Rote Kapelle

90-seitiger Gestapo-Bericht über die Aufrollung der Spionage- und Widerstandsgruppen

Zwischen Dezember 1941 und November 1942 fielen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Belgien, Niederlande, Frankreich und Deutschland mehrere Gruppen in die Hände, die mit Hilfe von Kurzwellensendern für die Sowjetunion Spionage betrieben. Beteiligt waren auch Widerstandskämpfer in Berlin, die überwiegend kommunistisch orientiert waren und deren Netzwerk bei dieser Gelegenheit ebenfalls aufflog. Da man in Geheimdienstkreisen die Funker "Pianisten" nannte und eine Spionagegruppe "Kapelle", wurde für diesen Personenkomplex der Begriff Rote Kapelle geprägt. Der umfangreiche Bericht der Gestapo über die Aufrollung der Roten Kapelle wird hier erstmals veröffentlicht.


VON PETER KOBLANK (2014)

Erste Seite des Inhaltsverzeichnisses des Gestapo-Berichts über die Rote Kapelle.

Es handelt sich um eine der wichtigsten Quellen über die Rote Kapelle. Obwohl dieser Gestapo-Bericht - ähnlich wie das Berliner Verhörprotokoll des Bürgerbräuattentäters Georg Elser vom 19. bis 23. November 19391 - ein Schlüsseldokument darstellt und seit den 1960-er Jahren in fast jeder Publikation über die Rote Kapelle mehr oder weniger auf ihn zurückgegriffen wird, wurde er bisher noch nie veröffentlicht.

Verfasser

Der Bericht ist mit der Abschrift eines Begleitschreibens, das als Geheime Reichsache (gRs) klassifiziert ist, mit folgendem Absender überliefert:

Chef der Sicherheitspolizei und des SD
- IV A 2 - B. Nr. 330/42 gRs

Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) war zu dieser Zeit der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler (*1900 †1945), der seit Reinhard Heydrichs Tod im Juni 1942 diesen Posten kommissarisch wahrnahm. Am 30. Januar 1943 übernahm SS-Gruppenführer Ernst Kaltenbrunner (*1903 †1946) diese Funktion.

Das Amt IV (Gegner-Erforschung und -Bekämpfung Geheimes Staatspolizeiamt) leitete der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Heinrich Müller (*1900 †1945). Leiter der Gruppe IV A (Opposition) war der SS-Obersturmbannführer und Oberregierungsrat Friedrich Panzinger (*1903 †1959), der offiziell die Sonderkommission Rote Kapelle, die Ende Ende August/Anfang September 1942 in Berlin gegründet wurde, leitete.


Horst Kopkow
Bild: Spiegel-Archiv

Referatsleiter IV A 2 (Sabotagebekämpfung) war Kriminalrat Horst Kopkow (*1910 †1996), der die Sonderkommission faktisch leitete.

Das für diesen Bericht verantwortliche Referat IV A 2 war also folgendermaßen im Reichssicherheitshauptamt eingeordnet:

Chef der Sicherheitspolizei und des SD: Heinrich Himmler

  • Amt IV (Gegner-Erforschung und -Bekämpfung - Geheimes Staatspolizeiamt): Heinrich Müller
    • Gruppe IV A (Opposition): Friedrich Panzinger
      • Referat IV A 2 (Sabotagebekämpfung): Horst Kopkow

Horst Kopkow soll sich 1987 als Verfasser des hier veröffentlichten Berichtes zu erkennen gegeben haben.2

Entstehungszeitpunkt

Der Bericht wird schon Mitte November 1942 fertiggestellt worden sein, denn auf Seite 3 wird von der Verhaftung von Anatoli Markowitsch Gurewitsch (Kent, Petit Chef) am 12.11.1942 in Marseille berichtet. Hingegen hat die viel wichtigere Verhaftung von Leopold Trepper (Gilbert, Grand Chef) am 24.11.1942 in Paris keinen Eingang mehr gefunden.

Das Begleitschreiben ist auf den 22. Dezember 1942 datiert. Genau an diesem Tag wurden die ersten elf Mitglieder der Berliner Roten Kapelle in Plötzensee hingerichtet. Nachdem das Verfahren gegen die Rote Kapelle unter höchster Geheimhaltung abgelaufen war, wollte Gestapo-Chef Heinrich Müller, der das Begleitschreiben unterzeichnet hat, nun anscheinend im Auftrag Heinrich Himmlers einige hochgradige NS-Führer informieren. Eines dieser Schreiben geriet nach dem Zweiten Weltkrieg mitsamt dem 90-seitigen Bericht in die Hände des amerikanischen Geheimdienstes und schließlich in den National Archives in Washington.

Adressat


Franz Xaver Schwarz
Bild: Wikipedia

Adressat des Gestapo-Berichts war Frank Xaver Schwarz, Reichsschatzmeister und Reichsleiter der NSDAP, mit Amtssitz im Verwaltungsbau der NSDAP am Königsplatz in München. Es wird weitere Exemplare für andere wichtige NS-Größen gegeben haben, sie sind aber allesamt verlorengegangen.

Franz Xaver Schwarz (*1875 †1947) war als Reichsschatzmeister der NSDAP, Reichsleiter und SS-Oberst-Gruppenführer einer der wichtigsten, wenn auch weitgehend unbekannt gebliebenen Funktionäre der Partei. Von 1900 bis 1925 war er bei der Stadtverwaltung München beschäftigt, zuletzt als Verwaltungsoberamtmann. Im Ersten Weltkrieg diente er in der Bayerischen Armee, zuletzt im Rang eines Leutnants.

1922 trat er der NSDAP bei und beteiligte sich 1923 am Hitlerputsch. 1925 wurde er von Adolf Hitler zu deren Reichsschatzmeister, also zum obersten Verwalter der Finanzen der NSDAP ernannt. Diese Tätigkeit übte er, ab 1935 im Rang eines Reichsleiters, bis zum Ende der NS-Zeit im Mai 1945 aus. 1942 wurde er zum SS-Oberst-Gruppenführer befördert, dem höchsten Generalsrang bei der SS.

Bei Kriegsende geriet Schwarz in amerikanische Gefangenschaft. Zunächst wurde er bis August 1945 in einem Lager bei Bad Mondorf (Luxemburg) festgehalten. Anschließend wurde er in ein Internierungslager bei Regensburg gebracht, wo er im Alter von zweiundsiebzig Jahren starb. 1948 wurde er postum von einer Münchener Spruchkammer als Hauptschuldiger eingestuft.

Versionen


Manfred Roeder
Bild: Heinz Höhne

Nach dem Krieg veranlassten Überlebende der Roten Kapelle ein Untersuchungsverfahren der Staatsanwaltschaft Lüneburg gegen Manfred Roeder, der vor dem Reichskriegsgericht die Anklage gegen die Mitglieder der Roten Kapelle vertreten hatte. Bei dieser Untersuchung legte Roeder 1948 zu seiner Entlastung eine Abschrift des Gestapo-Berichts vor.

Diese Abschrift liegt heute im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv und umfasst siebenundzwanzig Seiten und acht Zeichnungen.3 Im Bundesarchiv liegt eine Ablichtung der Abschrift aus Niedersachsen, aber ohne die Zeichnungen.4 Auch wenn auf diese Roedersche Abschrift seit über fünfzig Jahren in fast allen Veröffentlichungen über die Rote Kapelle verwiesen wird, wurde sie erst Anfang 2014 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.4

Eine weitere, erst 1991 entdeckte5 Version, die umfangreich bebildert ist und mit Inhaltsverzeichnis über neunzig Seiten umfasst, liegt in den National Archives in Washington.6 Sie wurde am 2. Februar 1950 mit Secret klassifiziert und ist erst seit dem 15. Februar 1989 für Historiker zugänglich. Während die Echtheit der von Roeder vorgelegten Abschrift bezweifelt wurde,7 ist die Authenzität der Version in Washington über jeden Zweifel erhaben.5

Allerdings ist die Washingtoner Version möglicher Weise nicht die Vorlage der Roederschen Abschrift, denn die Seiten 62 und 80 fehlen. Die Akte der National Archives wurde nachträglich mit einem Paginierstempel Seite für Seite fortlaufend, beginnend mit der Nr. 579, durchnummeriert. Der Seite 61 (Paginier-Nr. 650) folgt unmittelbar die Seite 63 (Paginier-Nr. 651). Ebenso folgt der Seite 79 (Paginier-Nr. 667) die Seite 81 (Paginier-Nr. 668). Plausibel wäre aber auch, dass die Washingtoner Akte ursprünglich vollständig war, die zwei Seiten aber vor der Einlagerung im National Archive verloren gingen. Die Paginierstempel werden wohl erst im Rahmen einer Archivierung am 2. Februar 1953, so das Datum außen auf dem Aktenordner, angebracht worden sein. – Die beiden in der Washingtoner Akte fehlenden Seiten wurden in der nachfolgenden Edition an Hand der Abschrift, die im Bundesarchiv liegt, rekonstruiert.

Im Nachhinein lässt sich heute auch die Existenz der Abschrift erklären: Manfred Roeder war nach dem Krieg bei den Amerikanern interniert. Beim Counter Intelligence Corps (CIC), dem amerikanischen Militärgeheimdienst, war man überzeugt, dass Veteranen der Roten Kapelle immer noch für die UdSSR aktiv waren. Manfred Roeder wurde von den Amerikanern unter dem Decknamen Othello geführt und "im vollsten Umfang abgeschöpft", um so viel wie möglich über den sowjetischen Geheimdienst zu erfahren.8 Die Abschrift des Gestapo-Berichts, die Roeder 1948 vorlegte und die im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv bzw. im Bundesarchiv liegt, wurde offensichtlich nach dem Krieg auf einer ausländischen Schreibmaschine, wahrscheinlich in den USA, und vielleicht von dem in Washington liegenden Ur-Exemplar (damals noch einschließlich der Seiten 62 und 80) erstellt und Roeder, dessen Beziehungen zum CIC nicht abgebrochen waren, zugespielt, um ihn bei den gegen ihn laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, zu unterstützen. – Die Roedersche Abschrift ist vom Text her, abgesehen von offensichtlichen Flüchtigkeitsfehlern und Abkürzungen, die in der Washingtoner Version nicht verwendet werden, so gut wie deckungsgleich.

Online-Edition

Der Gestapo-Bericht aus den National Archives Washington, eine der wichtigsten Quellen zur Roten Kapelle, wird hier nach über siebzig Jahren erstmals veröffentlicht.

In der folgenden Edition wurden offensichtliche Schreibfehler ausgebessert, Punkte und Kommata richtig gesetzt, der Text an die aktuelle Rechtschreibung angepasst und heute übliche typografische Möglichkeiten verwendet.


Bundesarchiv, Signatur R 22/3100. Onlineversion.
Sahm, Ulrich: Rudolf von Scheliha 1897-1942. Ein deutscher Diplomat gegen Hitler. München 1990, S. 309.
Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover Nds. 721 Lüneburg, Acc 69/76, Bd. 6, Bl. 816-835.
Bundesarchiv, Signatur R 58/1131 S. 37-63. Siehe auch:
Koblank, Peter: Ist der Gestapo-Bericht zur Roten Kapelle eine Fälschung? Widerlegung der zehn Argumente von Ulrich Sahm. In: Online-Edition Mythos Elser. Mit Link zum Faksimile des im Bundesarchiv liegenden Berichts in den Fußnoten.
Tuchel, Johannes: Die Gestapo-Sonderkommission "Rote Kapelle". In: Coppi, Hans/Danyel, Jürgen/Tuchel, Johannes (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 1994, S. 152
National Archives Washington, RG 319 (A1) 134A. IRR Impersonal Files. Box 63. Volume 4 (Folder 4 of 4). Report Bolschewistische Hoch- und Landesverratsorganisation im Reich und Westeuropa ("Rote Kapelle"). 96-page document tabbed. Location: 270: 84/21/03. Faksimile PDF 24 MB.
Sahm, a.a.O. S. 308 ff. Widerlegung der Argumente siehe:
Koblank, Peter: Ist der Gestapo-Bericht zur Roten Kapelle eine Fälschung? Widerlegung der zehn Argumente von Ulrich Sahm. In: Online-Edition Mythos Elser.
Summary Report of Investigation. Subjest: Rote Kapelle (Red Orchestra). 13. Mai 1948. Faksimile PDF 2,1 MB.

Ist der Gestapo-Bericht zur Roten Kapelle eine Fälschung? Widerlegung der zehn Argumente von Ulrich Sahm.
Harro Schulze-Boysen. Rote Kapelle: Widerstand gegen Hitler und Spionage für Stalin.
Vergleich Lubbe - Elser - Schulze-Boysen - Scholl - Stauffenberg.

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.





Chef der Sicherheitspolizei
und des SD
- IV A 2 - B. Nr. 330/42 gRs

Berlin SW 11 den 22. Dezember 1942
Prinz-Albrecht-Str. 8
Fernsprecher 120040

GEHEIME REICHSACHE!

SCHNELLBRIEF      

Eingegangen
29 Dez 1942

An den
Reichsschatzmeister und Reichsleiter der NSDAP
Xaver Schwarz
-Persönlich-
München 33
Verwaltungsbau der NSDAP

Sehr verehrter Herr Reichsleiter!

Im Auftrage des Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei überreiche ich anliegend den Bericht über die Aufrollung der kommunistischen Spionage- und Hochverratsorganisation im Reich und in Westeuropa - "Rote Kapelle" - mit der Bitte um persönliche Kenntnisnahme.

Heil Hitler!

Ihr sehr ergebener

Müller


Inhaltsverzeichnis

Seite:
I.
Allgemeines:
1 ff
Entwicklung der sowjetischen Spionage im Reich1
BB.-Apparat1
II. 
Die sowjetrussische Spionage Organisation "Rote Kapelle" in Westeuropa:
3 ff
Auffangen von Funksprüchen und Funkpeilung3
Festnahme zweier sowjetrussischer Nachrichtenoffiziere3
Festnahme des technischen Chefs des sowjetrussischen Nachrichtendienstes in Westeuropa3
Überblick über die sowjetrussischen Spionageorganisationen in Frankreich, Belgien und Holland
4 ff
A. Belgien1
1.) Nachrichtengruppe Kent4
Das Haupt "Vincente Sierra" ein sowj. Offizier4
Der sowjetr. Fliegeroberltn. Makaroff4
  "       "         Unterleutnant Daniloff5
  "       "         Hauptmann Karpoff der sowj. Botschaft Paris6
Weitere Mitarbeiter der Gruppe Kent:
Jüdin Poznanska als Chiffrierstelle6
Funkerin Rita Arnould6
Jude Isidor Springer als Werber6
  "     Isbutsky durch Festnahme am Aufbau eigenen Netzes gehindert7
Maurice Peper als Kourier nach Holland7
Jude Abraham Rajchmann als Ausweisfälscher7
Marinefunker Seese als Reservefunker7
Gruppe Kent funkt für Berliner Organisation8
2.)Nachrichtengruppe Bordo9
Der sowjetr. Hauptmann Konstantin Jefrenoff. Seine Tarnung und sein Auftrag9
Seine Verbindung zu den Hentschel-Werken in Kasssel: Eduard Vanderzypen10
Die Mitarbeiter der Gruppe Bordo10
Die Verbindung nach der Schweiz10
3.)Nachrichtengruppe Hermann11
Der Komintern-Funktionär Wenzel, techn. Chef d. sowjetr. Nachrichtendienstes f. Westeuropa11
und seine Geliebte11
4.)Sender Kryt12
63-jähr. Fallschirmspringer aus England, ein Kominternfunktionär aus Moskau12
B. Holland12
5.)Gruppe Hilda12
Gründung gem. Funkauftrag aus Moskau12
Winterink arbeitet13
Ehepaar Hilbolling als Anlaufstelle14
Weitere Mitarbeiter14/15
C. Frankreich15
6.) Gruppe Gilbert15
Gilbert, ein sowjetr. Generalstabsoffizier15
Die Firmen Simex u. Simexco als Tarnung16/18
Jüdisches Funkerehepaar festgenommen18/19
D. Verbindung nach Portugal19
E. Funkspiel19
Organisationsskizzen:
Nachrichtengruppe "Kent", Brüssel20
Nachrichtengruppe "Bordo",   "21
Nachrichtengruppe "Tino" bzw. "Hilda", Amsterdam22
Nachrichtengruppe "Gilbert", Paris23
III. 
Die Ergebnisse der Auswertung der Funküberwachung:
24 ff
A. Erkundungsaufträge aus Moskau24/25
B. Verratsmeldungen nach Moskau26/28
C. Aufträge f. internen Agentenbetrieb28 ff
IV. 
Aufrollung der Berliner Hoch- und Landesverratsorganisation:
"Choro"-, "Arwid"- und "Arier"-Kreis33 ff
A. Die wichtigsten Personen33 ff
Lichtbilder, Lebenslauf im Überblick
Abstammung der Hoch- und Landesverräter Schulze-Boysen und Frau
45
B. Übersicht über die volksverräterische Arbeit dieser Kreise46 ff
Politisches Motiv46
Angegriffene Staatseinrichtungen47
Der Kopf der Organisation
ein Oberleutnant und ein Oberregierungsrat
48
Soziale Schichtung: Aus allen Ständen49
Organisationsskizze:
Verbindungen der "Roten Kapelle" zu obersten Reichsbehörden u. Parteiddienststellen50
C. Der "Schulze-Boysen" Kreis, auch "Choro" Kreis genannt51 ff
Oberleutnant d.R.d.L. Schulze-Boysen51
Seine Mitarbeiter52/53
Seine Ehefrau als seine Stellvertreterin im Hoch- und Landesverratskomplex54/55
D. Der "Harnack" Kreis, auch "Arwid" Kreis genannt56 ff
Der zweifache Dr., seit 3 Jahrzehnten Anhänger des Bolschewismus56
Russicher Botschafts-Agent Erdberg56
Der Filmregisseur Dr. Kuckhoff führt "Regie"57
Der Rubel rollt58
Religiöser Sozialist Kultusminister a.D. Grimme schwenkt zum Bolschewismus über59
"Die innere Front", die Zersetzungsschrift für Groß-Berlin60
Ziel: Vorbereitung d. Räte Deutschlands60
Der Komintern-Agent Guddorf, Ostasien-Experte60/61
Seine Verbindungen, besonders zu Fallschirmspringern in Hamburg62
Die Fallschirmspringer sollen nach Berlin, ihre dramatische Festnahme63
Harnack als Chiffreur, seine Kuriere, sein Funker, seine Meldungen, seine Treffs, seine Werbungen64/66
Organisationsskizze:
"Rote Kapelle" Hochverratsgruppe Berlin67
E. Die landesverräterische Betätigung Schulze-Boysen's und seiner Mitarbeiter:68 ff
1.) Funkapparate werden verteilt, die Funkausbildung beginnt68/69
2.) Der langjähr. Komintern-Funker Kurt Schulze arbeitet seit 1928 in Berlin70
3.) Die Wohnungsgeber für die Funkarbeit71
4.) Der Verrat beginnt:
Die Russ. Botschaft wird gewarnt71
England soll über die Schweiz gewarnt werden72
Der geschäftige Kaufmann Graudenz verschafft sich geheimste Produktionsziffern d. Luftwaffe73
Verbindungen zum OKW sind wichtig74
Der Funker Heilmann verrät75
Der Oberltn.d.R. Gollnow verrät76
Der Oberst im RLM, Gehrts, dient als Zuträger, nennt sich Bolschewist und Okkultist76
Die Wahrsagerin Anni Krau prophezeit77
F. Einsatz von Fallschirmagenten:79 ff
Der komm. Funktionär Albert Hößler und der komm. Redakteur Volontär Robert Barth79
springen nach Schulung in Moskau bei Gomel ab und laufen in Moskau bekannte Berliner Adressen an80
Sie richten sich ein und funken mit Moskau81
G. Moskau sucht und findet alte Verbindung ins Auswärtige Amt:82 ff
Die Journalistin Ilse Stöbe erinnert auf Anweisung von Moskau82
den Legationsrat I. Kl. Rudolf v. Scheliha des Auswärtigen Amtes an seinen früheren Verrat in Warschau und erhält lfd. "UInformationen" ins Stenogramm. Sch. erhielt namhafte Geldsummen84
Moskau schickt den Sohn eines hohen Komintern-Funktionärs, Heinrich Koenen, als Fallschirmagenten zur Aktivierung der Arbeit Schelihas.85
Koenen wird festgenommen.
2 weitere Fallschirmspringer werden in Hamburg festgenommen. Erna Eifler u. Willi Fellendorf
86
Berliner Kurier- u. Anlaufstellen für Fubnktionäre u. Fallschirmspringer, ihre Aushebung86
Organisationsskizze:
"Rote Kapelle" Landesverratsgruppe Berlin87
H. Ergebnisübersicht88/89

1

I. Allgemeines

Nach Festigung seiner eigenen inneren Verhältnisse hatte sich Sowjet-Russland die revolutionäre Eroberung Europas zum Ziel gesetzt. Es bediente sich hierzu auch des Mittels der Spionage in den europäischen Ländern. Ausgangspunkte waren die kommunistischen Parteien der Länder sowie die diplomatischen und Handelsvertretungen Sowjetrusslands. Wo die Arbeit sich besonders lohnte, wurden Kominternagenten, sowjetrussische Offiziere und NKWD-Leute als Sonderbeauftragte eingesetzt.

So hatte sich auch in Deutschland eine sowjetrussische Spionageorganisation herausgebildet. Nach der Umstellung der kommunistischen Partei auf die Betriebe als Grundlage ihrer Organisation entwickelte sich aus der Berichterstattung an die Partei über Angelegenheiten des Betriebes für den innenpolitischen Tageskampf ab 1928/29 der Betriebsberichterstattungsapparat (kurz BB-Apparat genannt) zu einem organisierten Spionagenetz. Schließlich wurde die politische, wirtschaftliche und militärische Spionage für Sowjetrussland die Hauptaufgabe.

Der BB-Apparat wurde von vornherein streng illegal aufgezogen. Die Mitarbeiter wurden sofort aus der Parteiarbeit ausgeschaltet, ja mussten vielfach offiziell aus der Partei austreten oder wurden sogar


2

des Zwecks halber formell, nicht selten mit künstlichem Skandal ausgeschlossen. Nach der Machtübernahme hat die Geheime Staatspolizei in jahrelanger Kleinarbeit den gesamten BB-Apparat im Reich aufgerollt. Nachdem so die Arbeitsmöglichkeiten im Reich selbst immer weniger wurden, verlagerte sich der Spionagedienst mehr und mehr in die angrenzenden Länder wie in die Tschechoslowakei, vor allem aber nach Frankreich, Belgien und Holland.

Als sich die politischen Verhältnisse in Europa immer mehr zuspitzten, ging Sowjetrussland an den fieberhaften Ausbau seiner Spionageorganisation. Wo irgend möglich wurden befähigte Kominternagenten und sowjetrussische Nachrichten-Offiziere in das bestehende Netz eingebaut oder zum Aufbau eigener Nachrichtengruppen entsandt. Diese Arbeit wurde mit der Verschärfung des deutsch-russischen Verhältnisses von den sowjetrussischen Missionen fieberhaft gesteigert, um wirklich aktive Mitarbeiter in den europäischen Ländern zu gewinnen. Die Agenten erhielten für den Verkehr mit Moskau Funkgeräte und Chiffrierschlüssel sowie erhebliche Geldbeträge ausgehändigt. In konspirativer Weise sollte jeder für sich arbeiten. Für die Verbindung der Gruppen untereinander war in gleicher konspirativer Form gesorgt.


3

II. Die Sowjetrussische Spionageorganisation "Rote Kapelle" +)

in Westeuropa.

So konnte auch durch die im Laufe des Jahres 1941 durch verschiedene Funkbeobachtungsstellen der Wehrmacht und Ordnungspolizei im Reich in den besetzten Westgebieten aufgefangene etwa 500 Funksprüche einiger Geheimsender auf das Bestehen einer sowjetrussischen Spionageorganisation geschlossen werden. Im Zusammenwirken der Abwehrstelle Brüssel mit der Geheimen Feldpolizei (GFP) unter Einschaltung der Kurzwellenüberwachungsstelle West gelang diesen Dienststellen im Dezember 1941 die Aushebung eines Geheimsenders in Brüssel. Dabei wurden zwei sowjetrussische Nachrichtenoffiziere, der Fliegeroberleutnant Michael Makaroff und der Unterleutnant Anton Daniloff festgenommen.

Durch weitere Funkpeilungen gelang es am 30.7.42 der Geheimen Feldpolizei eine zweite Funkstelle auszuheben und den Funker "Herrmann" festzunehmen. Er konnte als der Kominternfunktionär

Johann Wenzel identifiziert werden und wurde wegen des bei der Geheimen Staatspolizei über ihn vorhandenen umfangreichen Materials dieser überstellt.

Zwei in der Slowakei festgenommene und nach

+) Der Name wurde der Organisation aus staatspolizeilichen Tarnungsgründen im Dienstverkehr zugelegt.


4

Deutschland überführte kommunistische Funktionäre hatten bereits im Mai 1942 auf die Tätigkeit Wenzel's in Belgien hingewiesen und ihn als ihren militärpolitischen Mitschüler "Hermann" aus Moskau bezeichnet. Die Angaben des Wenzel sind in dem nachstehenden Überblick verwertet.

Überblick über die Sowjetrussischen Spionageorganisationen in Frankreich, Belgien und Holland

A. Belgien

(Dieser Überblick für Belgien konnte auf Grund der Ermittlungsergebnisse sowohl der GFP, als auch der Abwehrstelle Brüssel und der Dienststellen der Sicherheitspolizei u. d. SD in Belgien gewonnen werden.)

1. Gruppe Kent

Etwa 1940 sammelte sich in Ostende und Brüssel um einen Sowjetischen Offizier, dessen richtiger Name noch unbekannt ist, der aber mit einem falschen uruguayischen Pass auf den Namen Vincente Sierra versehen ist und auch den Decknamen "Kent"und "Petit-Chef" führte, eine Reihe von Nachrichtenagenten. "Kent" konnte am 12.11.42 mit seiner Freundin Margarete Barcza genannt "Die Blonde" durch die Sicherheitspolizei in Marseille festgenommen werden.

Zu dieser Gruppe waren Anfang 1941 die beiden bereits erwähnten sowjetrussischen Nachrichtenoffiziere Makaroff und Daniloff gestoßen.


5

Makaroff(Deckname "Charles" und "Chemnitz") war schon Anfang 1939 von Moskau über Stockholm und Kopenhagen nach Paris gelangt, wo er einen uruguayischen Pass auf den Namen Carlos Alamo sowie 10.000.- Dollar erhielt. Nachdem er sich einige Zeit in Antwerpen und Ostende aufgehalten hatte, stellte er im Mai 1939 in Brüssel die Verbindung mit einem "Fritz", später mit einem "Pierre" her, die wahrscheinlich Mitarbeiter der sowjetrussischen Vertretung in Belgien waren. Die Agenten, auch Makaroff und Daniloff, hatten von Moskau die Weisung, im Falle einer deutschen Besetzung auf jeden Fall im Lande zu bleiben. Den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien hat Makaroff auch gut überstanden. Bis zur Festnahme durch die Geheime Feldpolizei im Dezember 1941 betätigte sich Makaroff als Funker.

Der Unterleutnant Daniloff ist nach seiner Waffenausbildung Anfang 1939 in den diplomatischen Dienst kommandiert worden, wo er sich zunächst im sowjetischen Konsulat in Paris betätigte. Hier überdauerte er auch die Besetzung von Paris. Im Herbst 1941 reiste Daniloff mit einer verfälschten Kennkarte auf den Namen Desmets auf Weisung eines bisher noch nicht


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ermittelten Hauptmann Karpoff aus dem unbesetzten Frankreich, wohin beide nach Ausbruch des deutsch-russischen Krieges aus Paris geflüchtet waren, nach Belgien. In Brüssel nahm er Verbindung mit Makaroff auf, mit dem er in der Folgezeit bis zu ihrer gleichzeitigen Festnahme nachrichtendienstlich tätig war.

Eine weitere Mitarbeiterin war die Jüdin Sofie Poznanska mit dem falschen Namen "Anna Verlinden" und dem Decknamen "Josefa" als Chiffrierstelle. Ende September 1942 hat sie im Militärgefängnis in Brüssel Selbstmord verübt.

Als illegale Wohnungsgeberin und Funkerin konnte die Rita Arnould mit dem Decknamen "Julia" oder "Juliette" im Dezember 1941 festgenommen werden. In ihrer Wohnung wurde eine Sende- und Empfangsanlage durch die GFP beschlagnahmt.

Flüchten konnte damals der Jude Isidor Springer mit den Decknamen "Fred" oder "Sabor". Er ist ein ehemaliger Funktionär der KPD


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und hat der Gruppe Kent eine Reihe von Mitarbeitern, wie Rita Arnould, den Juden Hermann Isbutsky und den Funker Seese zugeführt. Z.Zt. soll Springer in Nizza sein.

Der Jude Hermann Isbutsky mit dem Decknamen "Robert", "Lunette" und "Bob" sollte sich im Sommer 1942 einen eigenen Nachrichtenkreis aufbauen, woran er jedoch durch seine Festnahme gehindert wurde, nachdem er im Dezember 1941 hatte flüchten können.

Auch Maurice Peper mit den Decknamen "Wassermann" und "Holländer" gehörte zur Gruppe Kent. Er hielt Verbindungen zu einer später noch zu erwähnenden Nachrichtengruppe in Holland.

Kent verfügte mit dem Juden Abraham Rajchmann mit den Decknamen "Max" und "Kartenmann" über einen sehr guten berufsmäßigen Ausweisfälscher sowie in dem Berufsfunker der Handelsmarine Augustin Seese mit den Decknamen "Jules"


8

und "Ostender Musikant" über einen Reservefunker.

Alle Genannten sind bis auf Springer festgenommen. Bei Seese konnte auch eine Sende- und Empfangsgerät beschlagnahmt werden.

Die Gruppe "Kent" unterhielt mit Hilfe des bereits erwähnten Funkers Johann Wenzel mit den Decknamen "Herrmann" und "Professor" einen lebhaften Funkverkehr mit Moskau. Aus der Vielzahl der von den Funküberwachungsstellen der Wehrmacht und der Ordnungspolizei aufgefangenen Funksprüche, deren Entschlüsselung durch die von Wenzel nach eingehender staatspolizeilicher Vernehmung rausgegebenen Chiffriermethode gelang, wurden wichtige Hinweise auf eine in Berlin bestehende bolschewistische Nachrichtenorganisation gewonnen. Hierdurch war die Aushebung dieser Gruppe, an deren Spitze der Oberleutnant d.R. der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen und der Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack standen, (s. Teil IV dieses Berichts) möglich.


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2. Gruppe Bordo

Seit Anfang 1939 hielt sich in Belgien der im Hauptmannsrang stehende Kriegsingenieur 3. Grades Konstantin Jefremoff (Deckname "Bordo" und "Paul" in Belgien, sowie "Paskal"gegenüber seinem Moskauer Auftraggeber) auf. Er lebte dort als angeblich finnischer Student Jernström mit einem falschen finnischen Pass auf diesen Namen. Seine Tarnung war so vorzüglich, dass sie sich bis auf jeden Knopf seiner Kleidung und Wäsche erstreckte. Er war bis zur Entsendung nach Westeuropa Spezialist für Gaskampfstoffe in der Roten Armee.

Sein Auftrag war bis zum Kriegsausbruch die Beschaffung von Nachrichten chemisch-technischer Art. Während des Krieges erweiterten sich seine Aufgaben auf politische, wirtschaftliche und militärische Spionage. Ein großer Teil seiner mit Moskau gewechselten Funksprüche konnte durch die Dechiffrier-Abteilung des OKH in Berlin entschlüsselt werden, nachdem er der Geheimen Staatspolizei seine besonders komplizierte Chiffriermethode preisgegeben hatte.

Funker war für ihn eben-


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falls der oben genannte Wenzel.

Jefremoff konnte durch die Ermittlungen über Wenzel festgenommen werden.

Er hatte sich u.a. auch eine Verbindung zu den Hentschelwerken in Kassel beschafft. Der belgische Zivilarbeiter Eduard Vanderzypen mit dem Decknamen "Nelly", der in diesem Werk beschäftigt ist, gab ihm Nachrichten allgemeiner Natur. Vanderzypen wird aus besonderen Gründen z.Zt. noch überwacht.

Als weitere Mitarbeiter hatte Jefremoff noch die Geliebte des Wenzel Germaine Schneider sowie die in der Gruppe Kent früher tätig gewesenen und dann nach ihrem Auffliegen im Dezember 1941 zu seiner Gruppe übergetretenen Isbutzky, Peper, Rajchmann und Sesee, bis sie bei der Aufrollung auch dieser Gruppe auch festgenommen wurden.

Bis zum Ausbruch des Krieges mit der Sowjetunion hat Bordoauch eine ständige Verbindung zur Schweiz gehabt,


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die aber aus ihm unbekannten Gründen abriss. Bei dem Verbindungsmann soll es sich um einen deutschen Emigranten handeln, der den Decknamen "Chimor" trägt.

3. Gruppe Herrmann

Der Komintern-Funktionär Johann Wenzel war unabhängig von seiner Zusammenarbeit mit den Gruppen "Kent" und "Bordo" schon seit 1937 in Belgien als Nachrichten-Agent eingesetzt. Er war 1935 aus dem AM-Apparat (Abteilung Militärpolitik) der KPD ausgeschieden und vom Generalstab der Roten Armee übernommen und nach ergänzender Ausbildung nach Belgien geschickt worden, wo er den Grundstock für den sowjetischen Nachrichtendienst dort legte. In den folgenden Jahren entwickelte er sich zum technischen Chef des sowjetrussischen Nachrichtendienstes für Westeuropa. In dieser Eigenschaft hat er laufend auch Funker für Holland und Frankreich ausgebildet. Seine Freundin Germaine Schneider mit dem Decknamen "Paula" hat ihm Papiere beschafft und ihn tatkräftig unterstützt. Sie konnte sich bisher ihrer


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Festnahme noch entziehen.

Neben dem Sendegerät, das Wenzel benutzte, konnten noch zwei Reservesender mit erfasst werden.

4. Sender Kruyt

Unabhängig von den Ermittlungen in der Angelegenheit "Rote Kapelle" wurde in Belgien Anfang Juli 1942 ein sowjetischer Fallschirmagent namens Kruyt drei Tage nach seinem Absprung festgenommen. Er ist 63 Jahre alt, Holländer, war früher Pfarrer, dann kommunistischer Funktionär in Holland, 1935 und 1936 bei der sowjetrussischen Handelsvertretung in Berlin tätig, ging dann nach Moskau, von wo er im Mai 1942 nach England geschickt worden war, um von dort aus in Belgien mit dem Sendegerät einzufallen. Ob er zu einer Gruppe stoßen oder selbständig bleiben sollte, ist noch nicht geklärt.

B. Holland

3. Gruppe Hilda

Auf Weisung von Moskau gründete Wenzel auch in Holland eine Nach-


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richtengruppe. Er begab sich Anfang 1939 nach Amsterdam, wo er auf einem ihm von Moskau übermittelten Treff den niederländischen Staatsangehörigen Winterink kennenlernte. Dieser hatte bis dahin eine Funktion in der "Roten Hilfe" in Amsterdam, die er aber nunmehr wegen seiner Verwendung im Spionagedienst niederlegte. Er erhielt Unterricht von Wenzel und schaffte sich allmählich einen Kreis von Mitarbeitern. Von Ende 1940 an bis zu seiner Festnahme am 18. August 1942 stand er ständig mit Moskau in Funkverbindung, und zwar arbeitete er unter dem Decknamen "Tino", während die gesamte Gruppe unter dem Namen "Hilda" zusammengefasst war. Organisatorisch war die Gruppe dem Jefremoff unterstellt, funktechnisch betreute sie Wenzel.

Diese holländische Gruppe war den Funküberwachungsorganen der Wehrmacht und Ordnungspolizei bereits Anfang 1941 bekannt geworden, sodass bei der Aufrollung der Gruppe Jefremoff etwaigen Verbindungen nach Holland besonde-


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res Augenmerk geschenkt wurde.

Durch die Festnahme des bereits genannten Maurice Peper, des Verbindungsmannes aus der Gruppe Kent nach Holland, stieß die Geh. Staatspolizei dann auf den Winterink, in dessen Wohnung auch eine vollständige Sende- und Empfangsanlage erfasst werden konnte, nachdem noch das Ehepaar Jacob Hilbolling und Hendrika geb. Vogel, als Verbindungspersonen zwischen Winterink und Peper festgenommen werden konnten.

Winterink hatte sich auch bereits einen Vertreter ausersehen in der Person des von ihm im Frühjahr 1942 als Mitarbeiter geworbenen Johannes Lueteraan mit dem Decknamen Karel.

Als Funker war noch ein Wilhelm Vögeler mit dem Decknamen "Jaan" tätig, der von Wenzel ausgebildet worden war. Er sowie die weiteren Mitarbeiter der Gruppe Hilda in Amsterdam Adam Nagel Deckname "Velo",


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Daniel Goulooze Deckname "Daan", Hendrika Smit geb. van Etten Deckname "Ryk" konnten flüchten. In ihren Händen befinden sich zwei Funkgeräte. Umfangreiche Ermittlungen zur Festnahme der Flüchtigen laufen.

Die Gruppe Winterink hat Nachrichten über Truppenbewegungen in Holland erspäht, gelegentlich auch Nachrichten aus Deutschland beschafft und im übrigen Mitteilungen politischen und wirtschaftlichen Inhalts nach Moskau gefunkt.

C. Frankreich

6. Gruppe Gilbert

Nach den gemeinsam geführten Ermittlungen der militärischen Abwehrstellen und den Dienststellen der Sicherheitspolizei in den besetzten Westgebieten sind in Frankreich, und zwar vorwiegend im unbesetzten Teil, ebenfalls sowjetische Agenten tätig.

Als Leiter des sowjetischen Nachrichtendienstes für Frankreich kommt ein angeblich höherer Generalstabsoffizier der Roten Armee in Betracht, der unter dem Namen Gilbert


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in Paris lebte und innerhalb der Spionageorganisation als "Grand Chef", auch als "Otto" bezeichnet wurde. Er trat in Frankreich als Direktor einer Waren-Kommissions-Firma "Simex" (société importation exportation) auf. Mit dieser Firma "Simex" hat es folgende Bewandtnis:

Das Unternehmen ist im Sommer 1941 bei der Handelskammer Paris eingetragen und im Herbst in eine G.m.b.H. umgewandelt worden. Ihre Geschäftsräume befinden sich in Paris, Boulevard Hausmann 24. Ihr Geschäftsführer ist der früher erwähnte Gilbert. Als Mitinhaber wird ein Jude Leon Großvogel genannt, der schon im Verkehr mit der Gruppe "Bordo" unter dem Decknamen "André" und mit der Gruppe "Kent" als "Leo" auftritt. (Großvogel hat auch schon im April 1939 in Ostende dem damals seine Arbeit beginnenden Nachrichtenoffizier Makaroff ein Textilwarengeschäft für 200.000 Belgische Franken verkauft). Ferner sind Inhaber ein Alfred Corbin und ein Robert Christian Brey-


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er. Sie sind bisher nur geschäftlich hervorgetreten. Eine Vertreterin der Firma "Simex" ist Maria Likhonine geb. Kalinie sowie ein Waldemar Keller, von denen auch bisher nichts Näheres bekannt geworden ist.

Auch in Brüssel wurde eine Firma "Simexco" handelsregisterlich eingetragen, zu deren Verwaltungsrat außer Kent alias Sierra noch andere namentlich bekannte Belgier gehören: Nazarin Draily, Charles Draily (Bruder des Nazarin), Henry Seghers, Henry de Ryck, Jean Passeleco, Robert Christen, Erich Nutis, Willy Thevenet, Louise Marie Houwenaeghel.

Die Firma "Simexco" soll auch Zweigstellen in Marseille, Rom, Prag, Oslo und in Stockholm unterhalten, sowie Schwesterunternehmen im Protektorat in Raudnitz a.d.Elbe und in Bukarest haben.

Die Ermittlungen über diese kaufmännischen Tarnungsfirmen werden z.Zt.


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geführt. In Marseille kam es, wie bereits erwähnt, zur tatsächlichen Feststellung einer Simex-Filiale und zur Festnahme des Kominternagenten "Kent" alias Sierra und seiner Geliebten.

Die Firma "Simex" in Paris sowie die Firma "Simexco" in Brüssel stehen u.a. mit der deutschen Wehrmachtsverwaltung und anderen Stellen, insbesondere mit der Organisation Todt in geschäftlichen Beziehungen. Auf diese Weise gelang es jetzt über den SS-Verbindungsführer zur O.T. in einen nachrichtlichen Kontakt mit der Vertreterin der Firma "Simex", Likhonine, zu kommen, deren Sohn Eugen wiederum als Kraftfahrer bei dem Sonderbeauftragten der Organisation Todt in Paris tätig ist und sich bereits durch größere Geldausgaben verdächtig gemacht hat.

Die Firmen "Simex" und "Simexco" dürften zu Tarnungszwecken gegründet sein, wie auch der Kauf der heute nicht mehr bestehenden Ostender Textilfirma durch den sowjetrussischen Nachrichtenoffizier Makaroff beweist.

Gilbert hat in Paris ein jüdisches Funkerehepaar gehabt. Es sind die am 10.6.1942 festgenommenen Hercz Sokol und


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Miriam Sokol geb. Rachlin. Ihre Festnahme wurde durch Funküberwachung und Peilung seitens der Ordnungspolizei ermöglicht. Ihr Funkgerät ist sichergestellt. Die aufgefangenen Funksprüche konnten jedoch bis jetzt noch nicht entziffert werden.

Die Ermittlungen nach den übrigen Mitarbeitern der Gruppe Gilbert laufen gemeinsam mit den militärischen Abwehrstellen Brüssel und Paris.

D. Verbindung nach Portugal

Es sind auch Anhaltspunkte vorhanden, dass eine Verbindung nach Portugal läuft. Klarheit hierüber kann erst nach Aufrollung der Organisation in Frankreich gewonnen werden.

E. Funkspiel

Um mit Moskau in Verbindung zu bleiben, werden laufend alle Möglichkeiten zu einem Funkspiel genutzt. Infolgedessen wurden die Linien des Bordo in Belgien und des Winterink in Holland - örtlich auch in Brüssel - in Betrieb genommen. Auch auf der Linie des "Kruyt" wird ein Verkehr zu erreichen versucht. Näheren Aufschluss über den Aufbau der Nachrichtengruppen "Kent" in Brüssel, "Bordo" (Jefremoff) in Brüssel, "Tino" (Winterink) in Amsterdam und "Gilbert" in Paris geben die nachfolgenden 4 Organisationsskizzen.


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III. Die Ergebnisse der Funküberwachung bezw. des

vorgefundenen Materials

Durch die Funküberwachung sind etwa 80 Funksprüche erfasst worden, jedoch weisen die Nummern der erfassten Funksprüche darauf hin, dass eine weit größere Zahl von Funksprüchen im Wechselverkehr gesandt wurden.

In einem Funkspruch sprechen die Moskauer Auftraggeber den einzelnen Gruppen Dank und Anerkennung für die geleistete Arbeit aus.

(Des Zusammenhangs wegen werden die Ergebnisse nicht in der Reihenfolge ihrer gelungenen Dechiffrierung, sondern ihres bis zur Stunde vorliegenden sachlichen Zusammenhang dargestellt. Bis zur Auslösung von Exekutivmaßnahmen gegen die Spionage-Organisation im Reich lag nur ein kleiner dechiffrierter Teil vor, der auch die Einsatzpunkte zu den staatspolizeilichen Ermittlungen bildete. Die inzwischen weiter geführte Dechiffrierung hat die Ergebnisse der staatspolizeilichen Ermittlungen nur bestätigen können.

Weiter muss vorausgeschickt werden, dass die in den Funksprüchen zum Ausdruck kommende Verbindung der Gruppe "Kent" alias "Sierra" zu den im Reich befindlichen Nachrichtengruppen Choro und Arwid darauf zurückzuführen ist, dass weder Choro noch Arwid eine ständige Nachrichtenverbindung mit Moskau unterhalten konnten. Deshalb wurde Kent von Moskau beauftragt, u.a. eine Reise nach Berlin zu unternehmen. Die Ergebnisse dieser Reise berichtete Kent nach Moskau.)

A.Erkundungsaufträge der Moskauer Auftraggeber

1.)  

An Agent "Kent" in Brüssel am 29.8.41:
Erkundungen betreffend die Produktionsmöglichkeiten von chemischen Kampfstoffen in deutschen Fabriken. Vorbereitung von Sabotageakten in den betr. Werken.


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2.)  

An Agent "Bordo" in Brüssel 13.4.42:
Feststellungen über die Stärke der in Belgien sich befindlichen deutschen Truppeneinheiten, ihre Bewegungen und neuen Einsatzorte.

Feststellungen von Werken in Belgien, die für Deutschland Tanks, Flugzeuge und artilleristische Gegenstände herstellen, sowie die Produktionshöhe und Art der dort beschäftigten Arbeiter.

Am 31.5.42:
Feststellungen über den Aufenthalt des Generals Rundstedt und seiner drei Korps in Frankreich.

Am 27.6.42:
Feststellungen über Stärke und Zusammensetzung der deutschen Infanterie-Divisionen in der Normandie, Bretagne und Holland.

3.)

An Agent "Tino" in Amsterdam am 1.5.42:
Feststellungen der politischen und moralischen Stimmung innerhalb der deutschen Truppeneinheiten in Holland.

Wo und welche Fliegereinheiten befinden sich auf holländischen Flugplätzen.

Feststellungen über Typen und Höhe der Produktion von Flugzeugen in der holländischen Industrie.

Am 15.6.42:
Erkundung der örtlichen Lage des deutschen Hauptquartiers in Holland.

Ob sich Militärverwaltung in Hilversum im Rathaus befindet.

4.)

An Agent "Bordo" bezw. "Paskal" am 9.5.42:
Feststellungen über die Produktion der Hentschel-Werke in Kassel, besonders wieviel Flugzeugmotore des Typs D.B. 601 hergestellt werden, sowie Stimmung bei den deutschen und ausländischen Arbeitern.


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B. Verratsmeldungen an die Auftraggeber in Moskau

1.)  

Von Agent "Bordo":

a)  

Meldung über deutsche Truppenkonzentration in der Nähe von Cambrai (gesendet am 28.4.42).

b)  

Meldung über Stärke der deutschen Besatzungstruppen in Brüssel (gesendet 12.5.42).

c)  

Mangel an Rohstoffen in den Betrieben Rheinmetall und Askania (gesendet 2.6.42).

d)  

Spezifizierte Angaben über den im Hentschel-Werk Kassel hergestellten Zwölfzylinder-Flugmotor (gesendet am 26.6.42).

2.)  

Von Agent "Herrmann":

Bericht über Beschlagnahme von Privatkraftwagen und Pferden in Belgien, verstärkter Transport deutscher Einheiten nach Frankreich (gesendet 4.5.42).

3.)  

Von Agent "Tino":

Meldung über Ausbildung von holländischen Arbeitsdienstfreiwilligen für den Osteinsatz (gesendet 9.5.42).

4.)  

Von Agent "Kent":

a)  

Meldungen über Schwierigkeiten bei der Belieferung belgischer Fabriken mit deutschen Spezialventilen "Gestra" zur Herstellung von Kesselwagen.

b)  

Meldung über Lieferungsschwierigkeit einzelner belischer Firmen wegen Kohlenmangel.

c)  

Meldung über Herstellung von Hochspannungsmasten für Deutschland und Holland.

d)  

Meldung über Verteilung von Eisenblechen für Schiffsbauten durch das belgische Stahlsyndikat


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e.)  

an französische Firmen.

e)  

Meldung über örtliche Lage eines Treibstofflagers bei Gent.

f)  

Meldung über Schwierigkeiten im Lokomotivbau in Frankreich.

g)  

Angaben über monatliche Flugzeugproduktion im Werk Charleroi.

h)  

Meldung über örtliche Lage von Schiffsreparaturwerkstätten in Amsterdam.

i)  

Meldung über R.-Betriebe bei Amsterdam und Rotterdam und deren Produktion.

j)  

Truppenbewegungen an der belgischen und französischen Küste.

k)  

Mitteilungen über die Eisen- und Stahlerzeugung in Belgien und deren Verwendungszweck.

l)  

Meldung über den Einsatz von Gestapo-Beamten in Belgien (gesendet 12.9.42).

m)  

Meldungen über Kohlenmangel in der Industrie des Protektorates.

n)  

Meldung über Lage einer großen Flugzeugfabrik an der Bahnstrecke Berlin-Dresden.

Neben den eigenen Meldungen gab "Kent" auch die Mitteilungen der Gruppe "Choro" - Schulze-Boysen - über ein Sendegerät in Brüssel nach Moskau durch. Wegen der Vielzahl der Meldungen seien hier nur die wichtigsten erwähnt:

o)  

Mitteilungen über die Stärke der deutschen Luftwaffe bei Beginn des Krieges mit der SU.

p)  

Mitteilungen über die monatliche Produktion der deutschen Flugzeug-Industrie in der Zeit Juni/Juli 41.


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q.)  

Mitteilung über Treibstofflage in Deutschland.

r)  

Mitteilungen über den beabsichtigten Angriff auf Maikop und

s)  

über die örtliche Lage des deutschen Hauptquartiers.

t)  

Angaben über die serienmäßige Herstellung von Flugzeugen in den besetzten Gebieten,

u)  

über die Konzentration chemischer Kampfstoffe in Deutschland,

v)  

Auffindung eines russischen Funkschlüssels in Petsamo,

w)  

Verluste der deutschen Fallschirmspringer auf Kreta.

C. Meldungen über den internen Betrieb der "Roten Kapelle"
(Gesamtspionageorganisation in Europa) und der Gruppen "Arwid" und "Choro" in Berlin von und nach Moskau.

Bei der Funküberwachung konnten FT-Sprüche erfasst werden, aus denen nach Entschlüsselung hervorging, dass die Moskauer Auftraggeber ihre Agenten fortlaufend zur größeren Aktivität aufforderten.

Im Juli 1942 forderte Moskau, die vorhandenen Sendemöglichkeiten zusammenzufassen, um im Falle einer Landung amerikanischer und englischer Truppen an den wichtigsten Plätzen Sender zu haben. Moskau wollte über die Entwicklung der Lage mindestens alle zwei Tage genauen Bericht erhalten.

Darüber hinaus erfolgte Anweisung für die Aktivierung einer tschechischen Gruppe im Protektorat, was jedoch infolge einer in einem anderen Zusammenhang erfolgten vorzeitigen Festnahme des in Frage kommenden Personenkreises nicht möglich war.


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Die teilweise Finanzierung der Agenten wurde durch Dollarüberweisung aus Amerika wahrgenommen.

Um die Bemühungen hinsichtlich eines verstärkten Einsatzes aufzuzeigen, seien im Folgenden die wichtigsten Anweisungen kurz gestreift:

a)  

Moskau an "Kent" am 28.8.41:

Hinweis auf eine besonders wichtige Agentin, die als "Else" bezeichnet und unter dem Decknamen "Alte" geführt wurde.

Bei "Else - Alte" handelt es sich um die inzwischen festgenommene Ilse Stöbe, geb. 17.5.11 in Berlin, zuletzt wohnhaft Berlin, Saalestraße 36 b. Schulz. Kent sollte mit der Stöbe Verbindung aufnehmen und ihr einen Chiffrierschlüssel übergeben.)

b)  

Moskau an "Kent" am 28.8.41:

"Kent" sollte in Leipzig an zwei Eichen je RM 1.000.- verstecken und die genaue Lage der Eichen nach Moskau funken.

(Für wen die Gelder bestimmt waren und ob ihre Vergrabung stattgefunden hat, ließ sich bisher nicht feststellen.)

c)  

Moskau an "Kent" am 28.8.41:

"Kent" sollte die Bilderhandlungen von Frantischeck und Wojatscheck in Prag aufsuchen und dort durch ein bekanntgegebenes Losungswort einen Treff mit einem "Rudi" herbeiführen, wobei er ihm RM 2.000.- übergeben sollte.

(Die Inhaber der Bilderhandlung in Prag wurden von "Kent" nicht angetroffen, da diese zu einem früheren Zeitpunkt durch die Staatspolizeileitstelle Prag in einem anderen Zusammenhang festgenommen waren.)


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d)  

Moskau an "Kent" (ohne Datum):

"Kent" soll "Oskol" überprüfen, da dieser seit 27.8.41 von Moskau nicht mehr gehört wird.

(Bei "oskol" handelt es sich vermutlich um eine Sokol-Gruppe im Protektorat. Ob diese ein Sendegerät im Besitz hat, konnte bisher nicht festgestellt werden.)

d.)  

Moskau an "Kent" (gesendet nach dem 198.10.41):

Weisung für die Reise des "Kent" nach Deutschland, um

1.)  

in Berlin Adam Kuckhoff oder dessen Ehefrau unter Berufung auf Alexander Erdberg aufzusuchen.

(Bei den Eheleuten Kuckhoff handelt es sich um den Schriftsteller Dr. Adam Kuckhoff und dessen Ehefrau Margarete geb. Lorke, beide zuletzt in Berlin-Friedenau, Wilhelmshöherstr. 18 wohnhaft, die inzwischen festgenommen worden sind. -
Der im gleichen Zusammenhang genannte Alexander Erdberg ist vermutlich ein ehemaliger Angehöriger der sowjetrussischen Handelsvertretung in Berlin, der zugleich als Verbindungsmann zwischen den Moskauer Auftraggebern und den Gruppen "Arwid" und "Choro" tätig war.)

2.)  

Über Kuckhoff Verbindung mit "Arwid" und "Choro" aufzunehmen .

("Arwid" ist personengleich mit Dr. Arvid Harnack. Er wurde inzwischen zusammen mit seiner Ehefrau Dr. Mildred Harnack geb. Fish festgenommen. -
"Choro" ist der festgenommene Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen. Dessen Ehefrau Libertas geb. Haas-Heye war im gleichen Funkspruch erwähnt. "Kent" sollte anlässlich seines Berliner Besuches auch mit ihr Verbindung aufnehmen.)

3.)  

Um Feststellungen über die "Freunde" der Gruppe "Arwid", "Italiener", "Strahlmann", "Leo" und "Karl" zu treffen.


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("Italiener" ist personengleich mit dem festgenommenen Leutnant der Kriegsmarine Wolfgang Havemann. -
Bei "Strahlmann" handelt es sich um den früheren Kommunisten Hans Coppi, der als Funker der Organisation tätig war und ebenfalls festgenommen wurde. -
Als "Leo" konnte der inzwischen festgenommene Fabrikant Leo Skrzipczynski, 11.12.06 Berlin geb., ermittelt werden. -
Bei "Karl" handelt es sich um den Soldaten Karl Behrens, 18.11.02 Berlin geb., z.Zt. in Polizeihaft.)

4.)  

Um die Entsendung eines Mannes zur russischen Handelsvertretung in Stambul und zum sowjetrussischen Konsulat in Stockholm zu veranlassen.

(Nach den bisherigen Feststellungen ist eine Entsendung nicht erfolgt.)

5.)  

Um Vorbereitungen in Berlin zu treffen, die der Aufnahme von Fallschirmagenten dienen sollten.

(Diese Vorbereitungen wurden im Sinne der Moskauer Auftraggeber durchgeführt, da im August 1942 der im Jahre 1933 aus Deutschland emigrierte Kommunist Albert Hößler bei Kurt Schumacher und dessen Ehefrau Elisabeth geb. Hohenemser Unterkunft gefunden hat. Die vorgenannten drei Personen wurden inzwischen festgenommen.)

6.)  

Maßnahmen zu treffen, dass das bei der Gruppe "Choro" vorhandene Sendegerät repariert und wieder sendefähig gemacht wird.

Entsprechend den Anweisungen der Moskauer Auftraggeber berichtet "Kent" über seine Reisen nach Deutschland und in das Protektorat. Seine wichtigsten Meldungen waren folgende:

     

1.)  

Übergabe eines Sendegeräts an die Gruppe "Arwid" (Dr. Harnack).

2.)  

Herstellung einer Verbindung mit der Prager Gruppe und Bekanntgabe der Arbeitswellen der Gruppe "Oskol".


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3.)  

Übergabe des Funkschlüssels an Kurt Schulz, der für "Alte" (= Ilse Stöbe) bestimmt war.

(Bei Kurt Schulz handelt es sich um einen alten Kommunisten, der inzwischen festgenommen wurde.)

4.)  

Aufnahme einer Postverbindung zur Gruppe "Bek" und "Elisawetha".

(Bei "Elisaweth"a handelt es sich um die bereits genannte und festgenommene Elisabeth Schumacher, bei der Gruppe "Bek" handelt es sich um die Eheleute Schumacher.)

Bevor neue Verbindungen aufgenommen wurden, waren die Agenten verpflichtet, der Zentrale in Moskau Mitteilung zu machen und sich von dieser die Genehmigung einzuholen. Dieses geht besonders daraus hervor, dass "Kent" an Moskau berichtet, das Zentralkomitee in Frankreich habe die Aufstellung eines Verbindungsmannes, der als "Leo" bezeichnet wird, beschlossen. "Kent" bittet um Bestätigung seines Vorhabens. Der zuvor genannte "Leo" hat sich bisher nicht ermitteln lassen.

Darüber hinaus machte "Kent" auf eine starke Anhäufung von Informationsmaterial bei den Sendern aufmerksam und bittet um Vermehrung der Funkstellen und des erforderlichen Schlüsselpersonals.

Weiter teilt "Kent" Moskau mit, dass die kommunistische Partei in der Schweiz z.Zt. keine Verbindung mit der Komintern hat und dass die Aufnahme einer Verbindung zu den Schweizer KP.-Kreisen deswegen notwendig sei, weil sie in den Betrieben, die für Deutschland arbeiten, Sabotageakte vorbereite.

In einer Reihe anderer Funksprüche berichtet "Kent" über die allgemeine Lage im Deutschen Reich und im besetzten Westgebiet, wobei er auf eine gedrückte Stimmung innerhalb der Bevölkerung hinweist, die jedoch eine offene Stellungnahme gegen das nationalsozialistische Regime nicht erkennen lässt.


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IV. Aufrollung des Schulze-Boysen ("Choro")-, Dr. Harnack

("Arwid")-und von Scheliha ("Arier")-Kreises in Berlin.

A. Die wichtigsten Personen

1.)  

Dr. jur. u. phil. Arvid Harnack
Deckname "Arwid",

Parteigenosse, Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium, Referent für Devisenbewirtschaftung, später für Amerika- und Grundsatzfragen, vorgesehen als Lehrbeauftragter der Auslandswissenschaftlichen Fakultät, Vortragender im Außenpolitischen Schulungshaus des Reichsleiters Rosenberg.

2.)  

Dr. phil. Mildred Elisabeth Harnack geb. Fish,

Amerikanerin, 1931/32 Lektorin an der Universität Berlin, ab 1936 Dozentin an der Volkshochschule Berlin, Übersetzerin für deutsche Verlage, Sprachlehrbeauftragte der der Auslandswissenschaftlichen Fakultät Berlin.

3.)  

Harro Schulze-Boysen
Deckname "Choro" u. "Georg",

Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium - Attachégruppe -, Seminarleiter an der der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin.
Vater: Fregattenkapitän Schulze, Sohn des Geheimrats und Studiendirektor Georg Schulze, dessen Frau Olga die Schwester des Großadmirals A. v. Tirpitz war.


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4.)  

Libertas Schulze-Boysen geb. Haas-Heye,

Journalistin, zuletzt Filmdramaturgin bei der Kulturfilmzentrale im Reichspropagandaministerium.
Mutter: Gräfin Viktoria Eulenburg - führt jetzt wieder ihren Mädchennamen - Tochter des Fürsten Philipp Eulenburg.

5.)  

Dr. phil. Adam Kuckhoff,

Freier Schriftsteller, Verfasser der Bücher "Der Deutsche von Bayencourt", "Strogany" und "Till Eulenspiegel", Spielleiter der Prag-Film AG, letzter von ihm geschaffener Kulturfilm "Posen Stadt im Aufbau".

6.)  

Margarete Kuckhoff geb. Lorke,

Diplom-Volkswirtin, langjähriges Studium in den USA, Übersetzerin für das Rassenpolitische Amt der NSDAP, hat u.a. im Auftrage des James Morphy Reden von Dr. Goebbels und große Teile von Hitlers "Mein Kampf" ins Englische übersetzt.

7.)  

Johannes Graudenz,

Handelsvertreter, früher Kellner in Frankreich, Schweiz und England, Fremdenführer in Berlin, Korrespondent der United Press und der New York Times in Berlin, Inhaber eines Fotounternehmens, Industrievertreter in Irland, Belgien, Holland und Frankreich, vertrat zur Zeit seiner Festnahme die Firma Blumhardt, Wuppertal (Herstellung von Fahrgestellen für Flugzeuge) und die Firma Electronspol Prag (Leichtmetall Bau).


35

8.)  

Kurt Schumacher,

slbständiger Bildhauer, 1923-1935 Besuch der Hochschule für bildende Künste, zuletzt Schütze beim Landesschützen-Batl. in Berlin

9.)  

Elisabeth Schumachergeb. Hohenemser,

Ehefrau, Mischling I. Grades, evangelisch erzogen. Besuch der höheren Töchterschule in Meinungen, Kunstgewerbeschule in Offenbach, fachliche Fortbildung auf den Vereinigten Staatsschulen in Berlin, zuletzt beschäftigt auf der Reichsstelle für Arbeitsschutz in Berlin
Vater: Oberingenieur bei der AEG.

10.)  

Hans Coppi,

Dreher, früher Lieferbote, Hausdiener, Hilfsarbeiter, erlangte auf der Aufbauschule Scharfenberg mittlere Reife, Besucher der DAF-Abendkurse für technische Zeichner.

11.)  

Gräfin Erika Brockdorff geb. Schönfeld,

Haustochter, Vorführdame, Stenotypistin, zuletzt Aushilfe der Reichsstelle für Arbeitsschutz.

12.)  

Oda Schottmüller,

Selbständige Tänzerin und Bildhauerin, 1924 Abitur.


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13.)  

Horst Heilmann,

Student an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin. Zuletzt Funker bei einer Nachrichtenersatzabteilung, Nachrichten-Dolmetscher, als solcher abkommandiert als Entzifferer für englische, französische und russische Funksprüche.
Seit 1937 HJ, 1941 Mitglied der NSDAP.

14.)  

Alfred Traxl,

Wachtmeister der 4. Nachrichtenabteilung im OKH,
1934-36 Militärdienst im ehemaligen tschechischen Heer, Besuch der Reserve-Offz.-Anw.-Schule in Pardubitz, 1937 zum tschechischen Unterleutnant der Reserve befördert,.1930 Abitur, 1941 kaufmännischer Angestellter der Fa. Concordia Spinnerei in Neschwitz bei Teschen und Georg Schicht AG in Aussig.

15.)  

Wolfgang Havemann,

stud. jur. und Nationalökonomie, zuletzt Gerichtsassessor beim Großen Amtsgericht Potsdam, seit Kriegsausbruch zur Marine eingezogen.
Beim OKM-Seekriegsleitung/Chef MND.III beschäftigt, seit 12.9.1942 zur Marinenachrichtenschule Flensburg-Mürwick abgeordnet.
Vater:Prof. Dr.h.c. Gustav Havemann Berlin.


37

16.)  

Herbert Gollnow,

Beamtenanwärter bei der Reichsbahn, Konsulatssekretär im Auswärtigen Amt, Studium an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät, Oberleutnant der Luftwaffe, Referent für Luftlande-Truppen und Fallschirmjäger beim OKW - Abwehrabteilung -.

17.)  

Heinrich Scheel,

Wetterdienstinspektor der Luftwaffe a.Kr., Fliegerhorstkommandantur Rangsdorf. Seit 1935 Studium an der Universität Berlin - Neuphilologie - 1940 Staatsexamen mit Auszeichnung bestanden.

18.)  

Erwin Gehrts,

Oberst der Luftwaffe im Reichsluftfahrtministerium, früher Schriftleiter verschiedener westdeutscher Zeitungen, 1935 als Hauptmann (E) aus Privatberuf in die Luftwaffe eingestellt, 1938 Ic-Bearbeiter beim General der Luftwaffe beim Oberbefehlshaber des Heeres, 1939 Sachbearbeiter beim Inspekteur der Aufklärungsflieger, Gruppenleiter beim Chef des Ausbildungswesens der Luftwaffe im RLM.

19.)  

Anna Kraus,

Durch Heirat ungarische Staatsangehörige, Heimarbeiterin und Graphologin, 1935 Übernahme eines Lack- und Farbengeschäftes en gros,
betätigte sich bis in die jüngste Zeit als Wahrsagerin.


38

20.)  

Marcel Mellliand,

Verleger und Herausgeber der Melliand-Textil-Berichte - führende deutsche Textilfachzeitschrift - ,
1912/13 Betriebsführer im größten Textilbetrieb Bielefelds,
14 Direktor einer großen Textilfabrik in Romanshorn/Schweiz, anerkannter erster deutscher Fachmann der Textilbranche. Vorträge vor Behörden und Fachleuten, umfangreiche Studienreisen ins Ausland.

21.)  

Kurt Schulze
Deckname "Berg",

Kraftfahrer, Verkäufer, 1916 Einziehung zur Marine und Ausbildung als Funker, bei Festnahme dienstverpflichtet als Kraftfahrer zur Reichspost.

22.)  

Leo Szczibczynski,

Fabrikant, Mitinhaber des Wehrwirtschaftsbetriebes Krone u.Co in Berlin (Geheimfertigung), Jahreseinkommen 200.000.- RM. Besuch der Handelshochschule und der Universität Berlin.

23.)  

Hans Henninger,

Eisenbahnbeamter, 1934 Entlassung auf Grund des § 4 des Berufsbeamtengesetzes, später erneute Einstellung als Bauarchitekt zur Reichsbahn. Seit Kriegsbeginn Regierungsbauinspektor a.Kr. beim Reichsluftfahrtministerium - Abt. Generalluftzeugmeister, dortselbst Referent für Planungsaufgaben.


39

24.)  

Dr.phil. Philipp Schäfer,

Philologe, Bibliothekar, zuletzt kaufmännischer Angestellter, heiratete im Weltkrieg eine Russin.

25.)  

Elli Lotte Schleif,

Bibliotheksinspektorin, auf Lebenszeit angestellte Beamtin der Stadt Berlin, Volksbücherei-Hauptstelle Prenzlauer Berg, Berlin.

26.)  

Helmuth Himpel,

Zahnarzt, Studium der Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, dann Studium der Zahnheilkunde in Friburg und München, Burschenschaftler.

27.)  

Marie Terwiel,

Stenotypistin, Mischling I. Grades.
Vater: Dr. Johann Terwiel, zuletzt Vizepräsident des Oberpräsidiums in Stettin, der 1934 auf Grund des Berufsbeamtengesetzes in Ruhestand versetzt wurde.

28.)  

Walter Husemann,

Werkzeugmacher, Mitarbeiter bei den kommunistischen Zeitungen in Berlin "Berliner Morgen", "Berlin am Abend" und "Rote Fahne". Redakteur bei der Arbeiterzeitung in Mannheim.


40

29.)  

Karl Behrens,

Konstrukteur, z.Zt. der Festnahme Soldat an der Ostfront.
1929 SA-Mann, Ausscheiden aus der SA nach dem Stennes-Putsch und Überwechseln zur "Schwarzen Front", später Angehöriger des Widerstandskreises um Ernst Niekisch, nach 1933 Besuch des Berliner Abendgymnasiums.

30.)  

Walter Küchenmeister,

Schriftsteller und Inseratenwerber, Eisendreher, 1917/18 Matrose in Kiel, 1921/26 Redakteur.

31.)  

Dr. med. Elfriede Paul,

Praktische Ärztin, 1921/24 Lehrerin, 1924/28 Leiterin des Städt. Kinderheims in Hamburg, anschließend Medizinstudium in Hamburg und Berlin, Assistenzärztin am Hygienischen Institut der Universität Berlin, Stadtschul- und Säuglingsfürsorge-Ärztin in Berlin, seit 1936 eigene Praxis.

32.)  

Dr. med. John Rittmeister,

Nervenarzt, Studium der Medizin in Marburg, Kiel, Hamburg und München, Ass.-Arzt in Zürich und Bern, 1938 Oberarzt an der Nervenklinik "Waldhaus" Berlin-Nikolassee und seit 1939 Leiter der Poliklinik des "Deutschen Instituts für psychologische Psychotherapie".


41

33.)  

Günther Weissenborn,

Schriftsteller, Dramaturg am Schiller-Theater in Berlin, studierte in Köln und Bonn 13 Semester Philosophie und Medizin, Verfasser mehrerer Bücher u.a. "Das Mädchen von Fanö" und die "Furie".

35.)  

Hellmuth Roloff,

Zuerst stud. jur., dann Musikstudium, bekannter Berliner Konzertpianist.
Vater:Professor der Geschichte Gustav Roloff, Berlin.

36.)  

Adolf Grimme,

preußischer Kultusminister a.D., Studium in Halle, München und Göttingen, Oberstudienrat, 1925 Oberschulrat im Provinzialschulkollegium Magdeburg, 1927 Ministerialrat im Preuss. Kultusministerium, 1929 Vizepräsident im Provinzialschulkollegium Berlin, 1930 bis zur Machtübernahme sozialdemokratischer Kultusminister unter dem ehemaligen Ministerpräsident Braun.

37.)  

Wilhelm Guddorf,

Buchhändler, Sohn des deutschen Professors an der Universität Gent, Ludwig Guddorf. Volksschule, Humanistisches Gymnasium Melle/Belgien, Universität Leiden, Münster, Paris, Studium: Orientalische Sprachen und Philologie. 1928 festbesoldeter Mitarbeiter der "Roten Fahne" unter dem Pseudonym "Paul Braun". 1934 festgenommen, 3 Jahre Zuchthaus und bis April 1939 Schutzhaft. 1940/41 Buchhändler-Gehilfe der Firma Gsellius.


42

38.)  

Eva Buch,

Studium am Auslandswissenschaftlichen Institut in Berlin. Seit 1940 Stipendium in Höhe von monatl. RM 150.-, gleichzeitig als Assistentin am Institut. Erziehung in einem katholischen Ursulinerinnenkloster.

39.)  

Johannes Sieg, (+)

In Amerika geboren, deutsche Eltern, kehrt 1912 nach Deutschland zurück, Besuch des Lehrerseminars in Deutsch-Krone, 1923 erneut Ausreise nach Nordamerika, Packer, Bauhilfsarbeiter und Autoarbeiter, 1928 Rückkehr nach Berlin, bis zur Machtübernahme Volontär bei der Berliner Kommunistenzeitung "Rote Fahne", Reichsbahngehilfe.

40.)  

Ilse Stöbe,
Deckname "Alte" oder "Alta",

Schriftleiterin, bis zur Machtübernahme beschäftigt in der Propaganda-Abteilung der jüdischen Annoncen-Expedition Mosse, zwei Jahre Privatsekretärin des Pressejuden Theodor Wolf, seit 36 Auslandskorrespondentin mehrerer deutscher und Schweizer Zeitungen in Warschau, zuletzt als Angestellte in der Informations-Abteilung des Auswärtigen Amtes tätig.


43

41.)  

Rudolf von Scheliha,

Legationsrat I. Klasse in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes, Offizier im Weltkrieg, Jura-Studium in Heidelberg. Attaché im Auswärtigen Amt, Hamburg und Prag. 1929 Vizekonsul in Kattowitz, 1932 Legations-Sekretär in Warschau, 1937 Beförderung zum Gesandtschaftsrat I. Kl., 1939 Auswärtiges Amt.

42.)  

Wilh. Heinrich Fellendorf,

Kraftwagenführer, 1933 Emigration nach Schweden, anschließend Ausreise nach der Sowjet-Union, nimmt als Tankoffizier auf rotspanischer Seite am spanischen Bürgerkrieg teil. Nach Kriegsausbruch Besuch von Spezialfallschirmspringer-Schulen in der SU. 1942 Einsatz als Fallschirmagent in Deutschland.

43.)  

Erna Eifler,

Stenotypistin, Kontoristin, 1928 Sekretärin bei der russischen Handelsvertretung in Berlin, 1931/33 hauptamtliche Mitarbeiterin des BB-Apparates - Unterabteilung Chemie - . 1933 Emigration nach Russland, 1936/38 als Sowjet-Agentin in Shanghai, 1939 illegale kommunistische Parteifunktionärin in Holland, nach Kriegsausbruch eingehende Beschulung als Fallschirmagentin auf Spezialschulen in der Sowjet-Union. Mai 1942 Einsatz als Fallschirmagentin in Deutschland.


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44.)  

Albert Hößler
,Deckname "Helmuth Wiegner", "Franz" und "Walter Stein".

Gärtner, 1933 über die CSR, Holland, Frankreich nach Spanien emigriert, Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg, infolge Verwundung über Paris nach der Sowjet-Union ausgereist. Schlosser an Traktorenwerken in Tscheljabinsk, nach umfangreicher Ausbildung 1942 Einsatz als Fallschirmagent in Deutschland.

45.)  

Robert Barth,
Deckname "Walter Kersten" u. "Beck"

Schriftsetzer, vor der Machtübernahme bei der Berliner Kommunistenzeitung "Rote Fahne" tätig, Elektriker, 1939 zur Wehrmacht eingezogen, Verwundung im Westfeldzug u. EK. II im Osten, 1942 angeblich russische Gefangenschaft, wird vom NKWD als Fallschirmspringer in Berlin zum Einsatz gebracht.

46.)  

Heinrich Koenen,
Deckname "Heinr. Ludwig Köster", "Karl".

Maschinenbau-Ingenieur, Techn. Hochschule in Berlin, 1933 Emigration über Dänemark, Schweden nach Sowjet-Union, Versuchsingenieur in Moskau, Konstrukteur beim Automobil- und Traktoren-Institut in Moskau, 1940 Erwerb der sowjetrussischen Staatsangehörigkeit, 1941 Besuche von Fallschirmspezial-Schulen in der SU, 1942 Einsatz als Fallschirmagent in Deutschland.
Vater: Kommunistischer Reichs- und Landtagsabgeordneter Wilhelm Koenen.

Über die verwandtschaftlichen Beziehungen des Oberltn. Harro Schulze-Boysen zum Großadmiral von Tirpitz und die Abstammung seiner Ehefrau Libertas geb. Haas-Heye vom Fürsten Philipp zu Eulenburg gibt die nachfolgende genealogische Tafel näheren Aufschluss.


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B. Einführung

Der Umfang des gesamten Komplexes gestattet nur eine kurze gedrängte Darstellung. Nicht erwähnt werden können die vielen, geradezu dramatischen Vorfälle, die sich bei der Aufrollung dieser volksverräterischen Kreise abgespielt haben.

Die Gründe, welche die unschädlich gemachte Hoch- und Landesverratsgruppe in Berlin zu ihrer reichsfeindlichen Einstellung veranlassten, sind folgende:

1.) 

Radikal-sozialistisch, zumeist rein kommunistische Einstellung.

2.) 

Ablehnung des Nationalsozialismus, weil er die Fortsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsauffassung darstellt und den wahren Sozialismus nicht verwirklicht hat.

3.) 

Deutschland kann nur in engster Zusammenarbeit mit der Sowjet-Union existieren, um dem Angriff der Westmächte auch in Zukunft Widerstand zu leisten.
Die politische Struktur des Reiches müsste ähnlich der der Sowjet-Union sein, wobei als Endziel ein bolschewistisches Europa erstrebenswert ist.

4.) 

Der Krieg ist für Deutschland verloren, da die Produktion und Wirtschaftskapazität der Feindmächte derart überragend ist, dass der Zusammenbruch des Reiches spätestens um die Wende des Jahres 1943/44 unvermeidlich ist.

Aus diesen Motiven heraus waren fast alle inzwischen festgenommenen Personen


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(über 80) bereit, die Sowjet-Union in ihrem Kampf gegen Deutschland mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. Wie gefährlich diese Gruppe war und geworden wäre, erhellt die Tatsache, dass sie u.a. Verbindungen unterhielt zum
      Reichsluftfahrtministerium,
      Oberkommando der Wehrmacht,
      Oberkommando der Marine,
      Reichswirtschaftsministerium,
      Universität Berlin - Auslandswissenschaftliche Fakultät - ,
      Volkshochschule Berlin,
      Propagandaministerium,
      Auswärtiges Amt - Informations-Abt. - ,
      Stadtverwaltung Berlin,
      Rassenpolitisches Amt,
      Reichsstelle für Arbeitsschutz
und dass sie Schriftsteller, Künstler, Dolmetscher, Fabrikanten, Philologen, Ärzte, Diplomaten, Offiziere, Korrespondenten usw. als aktive Mitglieder umfasste.

Bis zum Ausbruch des Krieges bestand diese Unterstützung in einer Unzahl fortgesetzter hochverräterischer Handlungen zur Unterwühlung und Zersetzung weiter Volkskreise, besonders jedoch intellektueller Schichten. Insbesondere seit Beginn des Krieges mit der Sowjet-Union fanden diese Bestrebungen ihre Fortsetzung in einer Kette von Landesverratshandlungen zu Gunsten der Sowjet-Union. Die Aushebung dieser hoch- und landesverrä-


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terischen Kreise gelang in einem Augenblick, als sie gerade daran waren, ihre Arbeit mit Hilfe von sowjetrussischen Fallschirmagenten und deren mitgebrachten Sendegeräten zu intensivieren.

Zwei Personen, typische intellektuelle Salonbolschewisten, haben innerhalb dieser Hoch- und Landesverratsguppe eine überragende Rolle gespielt und sogar versucht, sich in ihrer Hörigkeit gegen Moskau gegenseitig den Rang abzulaufen. Es sind dies der Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen (Deckname: Choro) und der Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Dr. Phil. Arvid Harnack (Deckname: Arwid).

Völlig verschieden in ihrer Mentalität und Arbeitsweise, haben sie besonders nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges doch das gleiche Ziel erreicht und zu vervollkommnen versucht:
      Ausspähung politischer, wirtschaftlicher
      und militärischer Geheimnisse und deren
      Weiterleitung an die Sowjetunion.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich unter den Festgenommenen
      über 20% Berufssoldaten, Beamte und Staatsangestellte,


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      21% Künstler, Schriftsteller und Journalisten befinden, während andererseits nur
      13 % Arbeiter und Handwerker
festgenommen wurden. Von der Gesamtzahl der Festgenommenen sind
      26 Personen, d.h. 29% Akademiker und Studenten und
      15 Personen, d.h. 17% Wehrmachtsangehörige.
Die Verbindungen der kommunistischen Hoch- und Landesverratsorganisation zu den obersten Reichsbehörden und Parteidienststellen sind aus nachstehender Skizze ersichtlich.


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C.Der "Schulze-Boysen"-Kreis (auch "Choro"-Kreis genannt)

Schulze-Boysen ist der Geheimen Staatspolizei bereits seit 1933 bekannt. Über eine von ihm als Student gegründete "Gegner-Organisation", die sich zum Ziel gesetzt hatte, alle unzufriedenen Elemente anderer Parteien zu sammeln, führte ihn sein politischer Weg vom Jungdeutschen Orden über die "Schwarze Front" zu Annäherungsversuchen an Thomas Mann, Ludwig Renn, den ehemaligen Reichstagspräsidenten Löbe und andere Emigranten.

Seine staatsabträgliche Haltung führte 1933 zu seiner dreimonatigen Inschutzhaftnahme.

Der spanische Bürgerkrieg war für Schulze-Boysen, der inzwischen Angestellter im Reichsluftfahrtministerium geworden war, aus seiner radikalen Einstellung heraus erneut Anlass, seinen Gegensatz zum nationalsozialistischen Staat zu vertiefen. Als Wortführer einer (inzwischen ausgehobenen) kommunistischen Gruppe Berliner Künstler und Arbeiter verfasste es kommunistisch-marxistische Informationsschriften und Flugblätter, die zunächst im Kreis der Gleichgesinnten, später an Berliner Ärzte, Professoren, Polizeibeamte u.a. versandt wurden. Diese hochverräterische Tätigkeit erfuhr ihre Steigerung nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges. So wurden auf Veranlassung Schulze-Boysen's


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gefertigte Zersetzungsschriften an Angehörige der Wehrmacht an der Front versandt.

Als Gegenpropaganda für die im Jahre 1942 im Berliner Lustgarten durchgeführte Ausstellung "Das Sowjet-Paradies" organisierte Schulze-Boysen eine Zettelklebeaktion infünf Stadtteilen Groß-Berlins. Inhalt der Klebezettel:
      "Ständige Ausstellung - Das Naziparadies
      Krieg - Hunger - Lüge - Gestapo
      Wie lange noch?"

In seiner Uniform als Oberleutnant deckte er selbst mit schussbreiter Dienstpistole eine Klebkolonne ab, um bei Entdeckung durch Abgabe einiger Schüsse die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu lenken.

Der Bildhauer Kurt Schumacher (Seite 35 Nr. 8) und dessen Ehefrau (Seite 35 Nr. 9), der Handelsvertreter Johann Graudenz (Seite 34 Nr. 7), der Zahnarzt Helmuth Himpel (Seite 39 Nr. 26), die Stenotypistin Maria Terwiel (Seite 39 nr. 27) u.a.m. unterstützten ihn bei dieser


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hochverräterischen Tätigkeit. Bezeichnend für seine radikale Einstellung ist, dass er, als einige seiner Mitarbeiter ihre Tätigkeit einstellen wollten, sie mit entsicherter Dienstpistole bedrohte, falls sie auch nur Müdigkeit in ihrer illegalen Arbeit zeigen sollten.

Das Ziel, das Schulze-Boysen vorschwebte, nämlich die Beeinflussung intellektueller Kreise im marxistisch-kommunistischen Sinne, ist ihm dank seines überragenden Intellekts in einer Vielzahl von Fällen gelungen.

Der festgenommene Oberst Erwin Gehrts vom Reichsluftministerium (Seite 37 Nr. 18), mit dem er laufend Gedankenaustausch im prokommunistischen Sinne unterhielt und der sich selbst als "Bolschewist" bezeichnet, der Dramaturg des Berliner Schiller-Theaters Günter Weissenborn (Seite 41 Nr. 33), der Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Dr. phil. Arvid Harnack (Seite 33 Nr. 1), der Regisseurs der Prag-Film-AG. Dr. Adam Kuckhoff (Seite 34 Nr. 5),


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der Leiter der Poliklinik des "Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie" Dr. John Rittmeister (Seite 40 Nr. 32), die Ärztin Dr. Elfriede Paul (Seite 40 Nr. 31) sind einige der Personen, die von Schulze-Boysen laufend als Gleichgesinnte Informationsmaterial, Hetz- und Zersetzungsschriften erhielten und mit großem Interesse gelesen haben.

Wie geschickt Schulze-Boysen zum Teil seine Zersetzungsarbeit betrieb, ergibt die von ihm verfasste politische Abhandlung über Napoleon Bonaparte, die an eine Vielzahl von Intellektuellen u.a. auch an Offiziere bezw. an im Offiziersrang stehende Beamte verteilt hat. Belegt durch namhafte Historiker zeichnet Schulze-Boysen in dieser Schrift den Weg Napoleons bis zu seiner vernichtenden Niederlage in Russland auf mit der bewusst herausgestellten Tendenz, eine Parallele zum Weg des Führers und seiner Bewegung nachzuweisen.

Laufend abgehaltene nicht selten mit sexuellen Pointen gemischte "Diskussionsabende", hauptsächlich in seiner Wohnung, wurden von ihm und seiner Ehefrau Libertas Schulze-Boysen (Seite 34 Nr. 4) geschickt zur politischen Beeinflussung


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der Teilnehmer ausgenutzt und stellen geradezu ein klassisches Beispiel der Nachrichtenerfassung auf dem Weg der Gesellschaftsspionage dar. Das Abhören ausländischer Sender war in diesen Kreisen eine Selbstverständlichkeit.

Seine Ehefrau Libertas Schulze-Boysen, eine impulsive Frau mit starkem persönlichen Ehrgeiz, war seine eifrigste Mitarbeiterin. Auch sie unterlag nicht nur als Frau, sondern auch später als selbständige Künstlerin dem Einfluss des Intellekts ihres Mannes. Sie führte Kurierdienste aus, nahm illegale Treffs wahr, fertigte Zersetzungsschriften an und warb geeignete Personen zur Bildung von Partisanengruppen in Berlin und war auch Mitwisserin der landesverräterischen Tätigkeit ihres Mannes.

Frau Schulze-Boysen fungierte als Stellvertreterin ihres Mannes, als er 1941 außerhalb Berlins im Hauptquartier der Luftwaffe seinen Dienst versah. Sie hat auch nach der Festnahme ihres Mannes versucht, alle belastenden Unterlagen zur Seite zu schaffen und Spuren zu verwischen. Auf ihre Tätigkeit ist auch die Warnung des genannten illegalen Kreises Anfang September 1942 - also vor Auslösung der Festnahmeaktionen - zurückzuführen, die allerdings zu spät kam.


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D. Der "Harnack"-Kreis (auch "Arwid"-Kreis genannt).

Als Sohn des Professors der Hochschule in Darmstadt, Otto Harnack, der sich nach einem Anfall von Geistesgestörtheit 1914 das Leben nahm, beschäftigte sich Dr. jur. u. phil. Arvid Harnack bereits seit Jahrzehnten mit dem Problem des Sozialismus und entschied sich schließlich eindeutig für den Kommunismus. Seine politische Entwicklung in dieser Richtung wurde durch die Bekanntschaft mit Angehörigen der UdSSR-Botschaft in Berlin und als Mitglied der "Gesellschaft zum Studium der russischen Planwirtschaft" gefördert.

In den nachfolgenden Jahren ist die Verbindung der russischen Botschaft zu Harnack, obwohl seine "Betreuer" (es waren dies zunächst der Botschaftsrat Bessanoff, der Botschaftssekretär Hirschfeld und zwei weitere Botschaftsangehörige) aus der russischen Botschaft mehrfach wechselten, systematisch mit dem Ziel ausgebaut worden, seine Beziehungen und seine Stellung für die Sowjet-Union auszunutzen.

Zuletzt, und zwar bis zum Kriegsausbruch mit der Sowjet-Union hat ein illegaler Angehöriger der russischen Botschaft in Berlin mit dem Decknamen "Alexander Erdberg" Harnack soweit zu beeinflussen verstanden, dass


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dieser gewillt war, auch nach Beginn der Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und der Sowjet-Union nachrichtendienstlich für Moskau zu arbeiten.

"Erdberg" ist es über Harnack ohne Schwierigkeiten gelungen, dessen ebenfalls kommunistisch ausgerichteten Freund, den Schriftsteller und Filmregisseur Dr. Adam Kuckhoff, den Harnack bereits seit 1930 kannte, für diese Zusammenarbeit mit der Sowjet-Union zu gewinnen. Über die politischen Absichten sagt Kuckhoff folgendes:

"Das Ziel, das Harnack und ich anstrebten, war ein planwirtschaftlich organisiertes Rätedeutschland auf nationaler Grundlage. Unsere Meinung war die, dass sich derartige Rätestaaten überall durchsetzen könnten. Zur Erreichung dieses Zieles hatten sich Harnack und ich die Beeinflussung unseres Bekanntenkreises in kommunistischem Sinne zur Aufgabe gemacht."

Kurz vor Ausbruch des Krieges - Juni 41 - übergab "Erdberg" im Einvernehmen mit Harnack dem Kuckhoff ein komplettes Funkgerät, das aber bereits nach einer Woche in defektem Zustand an Erdberg zurückgegeben worden ist.

Die Übergabe und Rückgabe des Apparats spielte sich, wie überhaupt alle Treffen in diesem Kreise, unter


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Wahrung der streng konspirativen Regeln der Komintern auf Berliner S- und U-Bahnhöfen ab.

Um die illegale Verratstätigkeit finanziell zu sichern, stellte der sowjetische Nachrichtendienst (Erdberg) zunächst Dr. Harnack RM 12.000.- und Dr. Kuckhoff RM 1.500.- zur Verfügung. Diese Gelder wurden von Harnack auf den Kreis seiner Bekannten und Mitarbeiter verteilt. So erhielten:

Der ehemalige preußische Kultusminister Adolf Grimme (Seite 41 Nr. 36) RM 2.000.-,

der Konstrukteur Karl Behrens (Seite 40 Nr. 29) RM 5.000.-,

der Fabrikant Leo Szczipczynski (Seite 38 Nr. 22) RM 3.000.-,

und die Ehefrau Rose Schlösinger RM 1.000.-.

Den Rest des Geldes verbrauchte Harnack für sich.

Die zwischen Harnack und Kuckhoff seit 1932 laufend durchgeführten illegalen Zusammenkünfte erfuhren 1937 eine Erweiterung durch den ehemaligen preußischen Kultusminister Adolf Grimme.


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Kuckhoff und Grimme kannten sich bereits aus Grimme's Amtszeit als sozialdemokratischer Fachminister.

Grimme war religiöser Sozialist und als solcher nicht ohne weiteres für das kommunistische Gedankengut empfänglich. Es ist Harnack und Kuckhoff jedoch gelungen, wie Kuckhoff selbst sagt:

"... Grimme fest mit der Sache des Kommunismus zu verbinden. Er ist von uns zu 90% überzeugt worden."

Kuckhoff war vor der Machtübernahme verantwortlicher Redakteur der "TAT". Aus dieser Zeit kannte er den ehemaligen Angestellten der "Roten Fahne" und Parteikommunisten John Sieg (Seite 42 Nr. 39) und führte ihn 1940 in seinen Kreis ein.

Von diesem Zeitpunkt an begann eine über die bloße Erörterung und Debattierung des kommunistisch-marxistischen Gedankenguts gehende aktive illegale Arbeit. Hatten zuvor Aussprachen über das von den einzelnen Teilnehmern aus ihrem Arbeitsgebiet mitgebrachte Material - z.B. Harnack's geheimzuhaltende Angelegenheiten aus seiner dienstlichen Tätigkeit im Reichswirtschaftsministerium - stattgefunden, so wurde jetzt auf die Initiative von Sieg die wiederholt ausgegebene illegale


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Zersetzungsschrift "Die innere Front" aufgebaut, die bereits in ihrer ersten Auflage in großem Umfang in Berlin zur Verteilung gelangt ist. Besprochen wurden ferner die neuesten von Schulze-Boysen und seinem Mitarbeiter-Kreis herausgegebenen Flugschriften und die von Harnack verfassten tendenziösen staatsfeindlichen Wirtschaftsabhandlungen, u.a. die von ihm verfasste Schrift "Die nationalsozialistische Periode des Monopolkapitalismus."

Das außenpolitische Ziel dieses Kreises war es, den für das Jahr 1943 angenommenen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschland aktiv soweit vorzubereiten, dass sofort zur Bildung einer Räteregierung geschritten werden konnte, die dann mit Moskau in Verbindung treten sollte.

Im Sommer 1942 wurde durch Sieg der kommunistisch-intellektuelle Schriftstellen Wilhelm Guddorf (Seite 41 Nr. 37) in den Harnack-Kreis eingeführt. 1902 als Sohn eines deutschen Professors der Universität in Gent geboren, wurde Guddorf schon 1922 Mitglied der KPD. Als Redakteur der "Roten Fahne" und später der "Welt am Abend", unternahm er 1930 eine längere Reise nach der Sowjet-Union. 1934 wegen Vorbereitung zum Hochverrat


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zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt, befand er sich aus Vorbeugungsgründen bis 1939 in einem Konzentrationslager.

Trotz eingehender Warnung nahm er nach seiner Entlassung alsbald seine illegale Arbeit wieder auf und sagt darüber folgendes:

"Der Ausgangspunkt meiner erneuten politischen Tätigkeit war der Ausbruch des Krieges im Herbst 1939. Ich selbst gewann den Eindruck, dass das mit der Sowjet-Union geschlossene Abkommen den Boden für eine erneute kommunistische Tätigkeit schuf. Zu gleicher Zeit begann ich alles Material über die Sowjet-Union aus der deutschen Presse und das mir von dem Leutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen überbrachte Material über die Sowjet-Union aus russischen und anderen ausländischen Zeitungen auszuwerten und zu sammeln. Außerdem bekam ich von Schulze-Boysen militärische Nachrichten, die er in seiner Eigenschaft als Luftwaffenoffizier erfahren hatte."

An einer anderen Stelle seine Vernehmung sagt Guddorf:

"Zur Verhütung eines politischen Chaos nach einer Niederlage Deutschlands beabsichtigten wir daher die Schaffung eines Sowjet-Deutschlands. Um eine Knechtschaft Deutschlands zu verhüten und eine Zerstückelung zu vermeiden war beabsichtigt, das Dritte Reich zu stürzen und eine Sowjet-Regierung zu bilden, die mit den Feindmächten in Verbindung treten sollte. Durch Verbreitung von Propagandamaterial sollte das Kriegsende beschleunigt werden. Auf Grund der Betrachtung der gesamten


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politischen Lage wurde der Schluss gezogen, dass die deutsche Front Ende 1943 zusammenbrechen wird.

Durch des Festnahme Guddorf's, die durch das besonders tapfere Verhalten einer zur Tarnung der Beamten mit eingesetzten Stenotypistin der Geheimen Staatspolizei ermöglicht worden war, bestand die Möglichkeit, kommunistische Aktivistenkreise in Berlin aufzurollen. Diese Komplexe werden gesondert behandelt.

Guddorf hat auch seine illegalen Verbindungen nach Hamburg preisgegeben. 15 kommunistische Funktionäre sind bereits festgenommen. Weitere 70 Festnahmen insbesondere in Marinewerften an der Nordsee stehen bevor.

Über den kommunistischen Funktionär Bernhard Bästlein in Hamburg stand Guddorf in loser Verbindung mit zwei im Mai 1942 in Ostpreußen aus Moskau abgesetzten Fallschirmagenten, die bei Gesinnungsgenossen in Hamburg Unterschlupf gefunden hatten. Guddorf machte Harnack auf die Möglichkeit einer Funkverbindung mit Moskau über diese Leute aufmerksam. Harnack war sofort bereit, Nachrichten auf diesem Wege weiterzuleiten und hat tatsächlich Guddorf eine Meldung über Angriffsabsichten der deutschen Wehrmacht im Kaukasus zur Weiterleitung nach


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Hamburg zugeleitet. Leider konnte diese Mitteilung Moskau nicht erreichen, da die Geheime Staatspolizei bereits im Besitz des Sendegeräts war.

Beabsichtigt war auch die Übersiedlung der Fallschirmagenten von Hamburg nach Berlin. Guddorf hat zu diesem Zweck die Vorbereitung zur Quartierbeschaffung in die Wege geleitet und von Dr. Harnack und Sieg bereits laufend Reise- und Urlauber-Lebensmittelkarten erhalten, um die lebensnotwendigen Voraussetzungen für ihr Tätigwerden von Berlin aus zu sichern.

Die zum Teil nach geradezu dramatischen Vorfällen schließlich doch gelungene Festnahme der beiden Fallschirmagenten, nämlich der ehemaligen deutschen KP-Funktionärin Erna Eifler (Seite 43 Nr. 43) und des Wilhelm Heinrich Fellendorf im Oktober 1942 hat diesen Plan endgültig zunichte gemacht.

Die von Harnack über die Fallschirmspringergruppe in Hamburg versuchte Nachrichtenübermittlung nach Moskau stellte jedoch nur die letzte Phase des Verratsspiels dar, das Harnack im Frühjahr 1941 auf Weisung des Kominternfunktionärs Alexander Erdberg übernommen hatte. Dr. Harnack hatte nämlich kurz vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen


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Krieges dem Wunsche des Alexander Erdberg folgend seinen langjährigen politischen Freund und Mitarbeiter Harro Schulze-Boysen mit diesem zusammengebracht. Erdberg schätzte die große Aktivität Schulze-Boysen's und sah über ihn eine schnellere Möglichkeit, mit Moskau einen ständigen Funkbetrieb aufzunehmen. Schulze-Boysen selbst nahm diesen Gedanken begeistert auf, da für ihn nun endlich die Möglichkeit gegeben war, aktivere Arbeit zu leisten (über die Errichtung von Sendestationen und die organisierte Durchführung des Sendebetriebes wird auf Seite 68 ff. eingegangen).

Bis zu seiner Festnahme ist Dr. Harnack nicht nur als Nachrichtenvermittler, sondern auch als Verschlüssler der nach Moskau durchzugebenden Funksprüche tätig gewesen. Er hat laufend ihm direkt von Schulze-Boysen bezw. durch dessen Ehefrau zugeleitete Verratsmeldungen chiffriert und diese über den ebenfalls festgenommenen für die Organisation tätigen Konstrukteur Karl Behrens und nachdem dieser zur Wehrmacht eingezogen war, über die Stenotypistin Rose Schlösinger, deren Ehemann an der Ostfront steht, an den Funker der gesamten Organisation Hans Coppi (Seite 35 Nr. 10) weitergeleitet. Der Inhalt dieser verschlüsselten Funksprüche betraf u.a.


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1.) Das Vorhandensein einer wichtigen Lastwagenreparaturwerkstatt in Iverlo/Finnland,

2.) die einsatzfähigen Flugzeuge der deutschen Luftwaffe Herbst 1941,

3.) die Verteilung der deutschen Luftwaffe an der Ostfront und

4.) eine Meldung über geplante deutsche Truppenbewegungen den Dnjepr abwärts.

Harnack ist, nachdem die Verbindung zur sowjetischen Botschaft durch Abbruch der diplomatischen Beziehungen Deutschlands mit der Sowjet-Union abgerissen war, mehrfach von illegalen Funktionären, die aus dem Westen stammten, angelaufen worden und hat letztmalig im August 1942 einen Treff mit einem Sowjet-Agenten am Deutschen Opernhaus in Berlin wahrgenommen.

Harnack war laufend bestrebt, seine nachrichtendienstlichen Verbindungen auszubauen und hat seit Jahren zu diesem Zweck versucht, seinen Neffen, den Gerichtsassessor beim Großen Amtsgericht in Potsdam, derzeitigen Leutnant der Kriegsmarine Wolfgang Havemann (Seite 36 Nr. 15), durch Diskussionen und Zuleitung von Flugblättern im kommunistisch-marxistischen Sinn zu beeinflussen. Havemann war die hochverräterische Tätigkeit seines Onkels bekannt. Er sagt in seiner Vernehmung:


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"Mir ist heute klar, dass ich auf Grund der mit meinem Onkel geführten Gespräche und von ihm zur Kenntnis erhaltenen Schriften einer amtlichen Stelle hätte berichten müssen."

Dass Harnack bewusst das Ziel verfolgte, Havemann für den sowjetrussischen Nachrichtendienst einzuspannen, geht daraus hervor, dass er ihn als seinen Freund, den "Italiener" (Deckname für Havemann) dem sowjetrussischen Nachrichtendienst meldete und dieser in einem erfassten Funkspruch vom 30.8.41 sich nach dem Befinden und dem Aufenthaltsort des "Italieners" erkundigte.

Aufschluss über die hochverräterische Organisation gibt die nachfolgende Organisationsskizze der Hochverratsgruppe Berlin.


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E. Die landesverräterische Betätigung Schulze-Boysens und seiner Mitarbeiter

1.) Aufbau von Funkverbindungen nach Moskau

Über den Wetterdienstinspektor der Luftwaffe Heinrich Scheel kam Schulze-Boysen Ostern 1940 mit einem Diskutierkreis ehemaliger Schüler der Scharfenberg-Aufbau-Schule in Berlin-Tegel zusammen, der völlig kommunistisch ausgerichtet war. Hier lernte er den Dreher Hans Coppi kennen, der im Frühjahr 1941 von ihm zur nachrichtendienstlichen Tätigkeit geworben und als Funker eingesetzt worden ist.

Funkapparat Nr. 1

Wenige Tage vor Pfingsten 1941 übergab der bereits mehrfach erwähnte Sowjet-Agent Alexander Erdberg im Beisein des Schulze-Boysen dem Coppi ein Batterie-Funkgerät (Queri-Sender). Dieses war als transportable Station gedacht und sollte gegebenenfalls auch von den Segelbooten des Kreises um Schulze-Boysen aus zum Einsatz gelangen. Frequenz und Reichweite dieses Apparates waren gering. Dieses Sendegerät wurde schließlich bei dem Sohn des Universitätsprofessors Dr. Gustav Roloff, dem bekannten Berliner


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Pianisten Hellmuth Roloff (Seite 41 Nr. 35) beschlagnahmt, der dieses Gerät in der elterlichen Wohnung unter Noten versteckt hielt.

Funkapparat Nr. 2

Wenige Tage nach Übergabe des Queri-Senders erhielt Coppi durch die Vermittelung des Schulze-Boysen am S-Bahnhof Deutschlandhalle ein zweites, diesmal modernes Koffer-Sende- und Empfangsgerät für Wechselstrom, das Coppi zur Ausprobung allerdings an ein Gleichstromnetz anschloss, wobei der Transformator und die Röhren des Geräts zerstört wurden. Eine Reihe von inzwischen festgenommenen Technikern und Radiofachleuten, die von der Aufnahme des Sendebetriebs unterrichtet waren, versuchten die Instandsetzung des Funkgeräts, was ihnen jedoch nicht voll gelungen ist.

Nach diesen fehlgeschlagenen Versuchen wurde Coppi über den ehemaligen Redakteur der kommunistischen Arbeiter-Zeitung in Mannheim, Werkzeugmacher Walter Husemann (Seite 39 Nr. 28), der wegen kommunistischer Umtriebe mehrere Jahre in Schutzhaft war, dann auf Betreiben des Schulze-Boysen im November 1941 mit dem kommunistischen Funktionär, ehemaligen


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Übungsgerät

Funkapparat Nr. 3

Marine-Funker und jetziger Kraftwagenfahrer bei der Reichspost Kurt Schulze (Deckname: Berg Seite 38 Nr. 21) zusammengebracht, der ihn anhand eines Übungsmorsetasters technisch ausbildete und der Ende 1941 dem Coppi ein Sende- und Empfangsgerät neuester Konstruktion zur Verfügung stellte.

Schulze war bereits im Jahr 1927 offiziell aus der KPD ausgeschieden, um in die illegale Arbeit der KPD eingespannt zu werden. 1928 besuchte er die Radioschule Moskau und fand von diesem Zeitpunkt an als Reservefunker für den Ernstfall in Berlin Verwendung. Drei Funkgeräte, geliefert von der sowjetischen Botschaft in Berlin, sind im Laufe eines Jahrzehnts durch seine Hände gegangen. Die ihn betreuenden Funktionäre waren ausnahmslos Angehörige der Sowjetrussischen Botschaft und Handelsvertretung in Berlin. Nachweislich sind an ihn einige tausend Reichsmark Agentengelder gezahlt worden, von denen noch ein Teil bei Durchsuchung der Wohnung sichergestellt werden konnte.

Mit den Schulze und Erdberg gelieferten Sendegeräten (Funkapparate Nr. 2 und 3) hat Coppi um die Jahreswende 1941/42 mehrfach Funkversuche aus seiner eigenen, dann auch aus der


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Wohnung der Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller (Seite 35 Nr. 12) und aus der Wohnung der Gräfin Erika von Brockdorff (Seite 35 Nr. 11) unternommen, um endgültig die Verbindung mit Moskau aufzunehmen, wobei ihn Schulze-Boysen durch persönlich durchgeführte Funkversuche unterstützte. Sowohl die Schottmüller, als auch die Gräfin Erika von Brockdorff, mit der der Coppi aus diesen und jenen Gründen ein intimes Verhältnis unterhielt, wussten von den Sendeversuchen und stellten ihre Wohnungen auch bereitwilligst zu Verfügung.

2.Umfang der Verratsmeldungen

Die nachgewiesene Verratstätigkeit Schulze-Boysen's geht bis zum Jahr 1936 zurück, wo er als Angestellter des Reichsluftfahrtministeriums in der Lage war, sich geheimzuhaltende Abwehrvorgänge zum Nachteil der rotspanischen Regierung zu beschaffen. Unter Mithilfe seiner Frau schleuste Schulze-Boysen durch die inzwischen verstorbene und hier wegen hochverräterischer Umtriebe bekannte Kommunistin Gisela von Pöllnitz einen Warnbrief an die sowjetrussische Botschaft in Berlin


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mit dem Erfolg, dass kurze Zeit danach in der Gegend von Barcelona auf rotspanischem Gebiet Maßnahmen gegen beabsichtigte Unternehmungen der Franco-Regierung getroffen wurden.

Der bereits erwähnte Handelsvertreter Graudenz, ein besonders erfolgreicher Nachrichtenzuträger für Schulze-Boysen in Berlin, der außerdem durch den Ankauf von zwei Vervielfältigungs-Apparaten als "technischer" Mann der Organisation umfangreiches Hetzschriftenmaterial verfertigte, teilte im Frühjahr 1942 Schulze-Boysen mit, dass er in Heidelberg den Verleger Marcel Melliand (Seite 38 Nr. 20) kenne, der mit seiner liberalistischen Gesinnung völlig westlich orientiert sei und beste Verbindungen zur Schweiz unterhalte. Die Tatsache war für Schulze-Boysen Anlass, Graudenz zu bestimmen, über Melliand eine Verbindung nach der Schweiz herzustellen. Melliand hat dieses Anerbieten angenommen.

Erstmalig sollte diese Verbindung Anfang August 1942 ausgenutzt werden. Schulze-Boysen veranlasste nämlich Graudenz, nach Heidelberg zu Melliand zu fahren, diesen zu einer Reise nach der Schweiz zu veranlassen, um von dort eine Warnung nach England durchzugeben.


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Diese Warnung enthielt die Mitteilungen, dass die deutsche Wehrmacht im Besitz englischer Funkschlüssel sei und Kenntnis von der Zusammenstellung eines Geleitzuges von Island nach russischen Eismeerhäfen habe, der sich Anfang August in Marsch setzen sollte. Zu einer Übermittelung dieser Nachrichten ist es nicht gekommen, da Melliand keinen Ausreisesichtvermerk erhielt.

Graudenz hat auch in der Folgezeit durch seine guten geschäftlichen und persönlichen Beziehungen zum Reichsluftfahrtministeriums (Graudenz war u.a. Vertreter der Firma Blumhard, Wuppertal, welche Fahrgestelle für Flugzeuge herstellte) eine Reihe von militärischen, wirtschaftlichen und politischen Nachrichten geliefert. Am schwerwiegendsten dürfte die Erfassung der Produktionsziffern der deutschen Luftwaffe für Juni und August 1942 sein, die Graudenz dem festgenommenen Architekten und Regierungsbau-Inspektor a.Kr. beim Reichsluftfahrtministeriums - Abt. Generalluftzeugmeister - Hans Gerhard Henninger (Seite 38 Nr. 23) mit provokatorischen Redensarten des "Besserwissens" entlockt hat.


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3. Die Anknüpfung von nachrichtendienstlichen Beziehungen zu Militärkreisen

Schulze-Boysen war auch ständig bemüht, neue Informationsquellen über zuverlässige Personen in den wichtigsten Behörden und Wehrmachtsstellen zu beschaffen. Wurde er einerseits von Dr. Harnack über alle kriegswichtigen und wirtschaftliche Dinge unterrichtet, so war er andererseits systematisch bemüht, gemeinsam mit Harnack auch Nachrichtenzuträger in den anderen Wehrmachtsteilen zu gewinnen. Dies ist ihm sowohl bei dem Funker und Studenten Horst Heilmann (Seite 36 Nr. 13), als auch bei dem Oberleutnant der Luftwaffe in der Abwehr-Abteilung des OKW Herbert Gollnow (Seite 37 Nr. 16) gelungen.

Heilmann, ein aktiver HJ-Angehöriger zuletzt Parteigenosse, fand bis zu seiner Festnahme als Entzifferer für englische, französische und russische Sprache in der Dechiffrierabteilung des OKH Verwendung. Er geriet zu Schulze-Boysen, den er als Leiter eines Seminars des Auslandswissenschaftlichen Instituts in Berlin kennen lernte, in völlige geistige Abhängigkeit. Schulze-Boysen bemühte sich besonders um Heilmann, da er in ihm einen


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aufgeweckten, vor allem aber befähigten Mitarbeiter zu finden glaubte und auch daran war, ihn zu finden.

Beide arbeiteten schließlich gemeinsam an einer Diplomarbeit mit antinationalsozialistischer Tendenz, wobei die allgemeinen politischen Probleme des ersten Weltkrieges in eine Parallele zum jetzigen Kampf gesetzt werden sollten.

Von der illegalen politischen Arbeit Schulze-Boysens weitgehend unterrichtet, erbot sich Heilmann auch auf nachrichtendienstlichem Gebiet alle wichtigen Informationen aus seiner dienstlichen Tätigkeit an Schulze-Boysens gelangen zu lassen.

Noch am Tage der Festnahme des Schulze-Boysens, die aus taktischen Gründen völlig unauffällig erfolgte, übergab Heilmann der Frau Schulze-Boysens einen in seiner Dienststelle entzifferten Funkspruch über den "Choro"-kreis und hat damit bewusst, nur aus seiner jungen kommunistischen Einstellung heraus die Warnung aller beteiligten Personen ausgelöst.

Heilmann versuchte auch, den Feldwebel der Chiffrier-Abteilung des OKH Alfred Traxl (SDeite 36 Nr. 14), dem die Westabteilung unterstand, zunächst noch getarnt zur Mitarbeit zu bewegen.


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Dem nebenberuflich am Auslandswissenschaftlichen Institut in Berlin studierenden Oberleutnant der Luftwaffe Herbert Gollnow (Seite 37 Nr. 16) verstand Schulze-Boysen sich in der Rolle eines Helfers bei seinem Studium derartig politisch zu nähern, dass Gollnow, der früher eindeutig nationalsozialistisch eingestellt war, zuletzt völlig der marxistisch-kommunistischen Ideologie verfallen war.

Auch zu den Eheleuten Harnack stand Gollnow in enger Verbindung, mit der Ehefrau unterhielt er intime Beziehungen.

Gollnow hat zumindest in grob-fahrlässiger Weise eine Vielzahl von geheimzuhaltenden Vorgängen der Abwehrabteilung des OKW preisgegeben, die auch zum Teil in den über Brüssel nach Moskau gegebenen "Choro-Sprüchen" als Verratsmeldungen auftauchen.

Eine enge Freundschaft verband Schulze-Boysen auch mit dem Oberst im Reichsluftfahrtministerium Erwin Gehrts (Seite 37 Nr. 18). Beide haben aus "Schulungsgründen" und zum Zwecke der "politischen Vorbereitungen für ein kommendes Deutschland" seit Jahren Gespräche im kommunistisch-marxistischen Sinne geführt.


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Schulze-Boysen leitete Oberst Gehrts laufend Schriften zersetzenden Inhalts zu und unterrichtete ihn über alle dienstlich interessanten Angelegenheiten der Attaché-Gruppe des Reichsluftfahrtministeriums. Als Gegenleistung erhielt er von Oberst Gehrts als Stabsoffizier alle diesem zur Kenntnis gelangenden dienstlichen Dinge, die Schulze-Boysen teils für seine Verratsmeldungen selbst, teils an Harnack weiterleitete.

Gehrts ist ein eifriger Anhänger der Bekenntniskirche, er hat starke Neigungen zum Okkultismus und zur Metaphysik. Sein Hang zu diesen Dingen ging so weit, dass er selbst in dienstlichen Angelegenheiten sich an die inzwischen festgenommene Wahrsagerin Anna Kraus (Seite 37 Nr. 19) wandte und sich von ihr laufend beraten ließ. Sie war es auch, die mehreren anderen in diesem Komplex festgenommenen Personen laufend Prognosen stellte, u.a. auch dem des Landesverrats überführten Handelsvertreter Graudenz, dem sie ständig einsuggerierte, dass er in Zukunft noch eine politische Rolle spielen werde.

In ihren hellseherischen Anwandlungen umriss die Kraus des öfteren die politische Struktur de Reiches nach dem Zusammenbruch des nationalsozia-


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listischen Regimes. Da ihr laufend Zersetzungszeitschriften zugeleitet wurden, war sie von der hochverräterischen Tätigkeit des Schulze-Boysen-Kreises weitgehendst unterrichtet. Auf mehrere Funktionäre des Berliner Hochverratskreises übte sie einen geradezu faszinierenden Einfluss aus und bestärkte dadurch wesentlich deren staatsfeindliche Haltung.


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F. Einsatz von Fallschirmagenten zur Verstärkung des Hoch- und Landesverratskreises in Berlin

Die ständigen Schwierigkeiten erkennend, die die Berliner Hoch- und Landesverratsgruppe bei der Übermittlung von Nachrichten auf dem direkten Funkwege von Berlin nach Moskau hatte, veranlasste die Komintern im August 1942 zur Entsendung von Fallschirmagenten nach Berlin, die auf Spezialschulen in Moskau und im Ural ausgebildet worden waren, um

1.) eine größere Aktivierung der Arbeit herbeizuführen und um endlich

2.) in direkten Funkverkehr von Berlin aus mit Moskau treten zu können.

So wurden am 5.8.1942 im Bandengebiet von Gomel durch einen sowjetischen Langstreckenbomber abgesetzt der kommunistische Funktionär Albert Hössler (Decknamen: "Helmuth Wiegner", "Franz", "Walter Stein" - Seite 44 Nr. 44) in der Uniform eines Artillerie-Obergefreiten und der frühere Volontär der kommunistischen Zeitung "Rote Fahne"in Berlin Robert Barth (Decknamen: "Walter Kersten" und "Beck") - Seite 44 Nr. 45 - in der Uniform eines Artillerie-Wachtmeisters der deutschen Wehrmacht. Beide reisten sodann über Bialystock, Warschau und Posen nach Berlin, um


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hier ihre illegale Tätigkeit aufzunehmen. Auftraggeber beider Fallschirmagenten war der vorerwähnte Alexander Erdberg, der - wie bereits geschildert - kurz vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges die Verbindung zu Harnack und Schulze-Boysen aufnahm.

Hössler, der als kommunistischer Funktionär im Jahre 1933 nach der ehemaligen CSR, von dort nach Holland und Belgien emigriert war, hatte 1937 am spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Roten teilgenommen und war nach Beendigung der Kämpfe nach Sowjet-Union gegangen. Nach einer umfangreichen politischen und nachrichtendienstlichen Schulung und nach einer Ausbildung im Funken, Fallschirmspringen und Durchführung von Sabotageakten war er ausschließlich für die Arbeit innerhalb der Roten Kapelle in Berlin bestimmt.

Hössler hatte bereits wenige Tage nach seinem Eintreffen in Berlin den engsten Mitarbeiter von Schulze-Boysen, den Bildhauer Kurt Schumacher und dessen Ehefrau in Tempelhof aufgesucht, und war von diesen in jeder Weise unterstützt und an Schulze-Boysen herangeführt worden. Schulze-Boysen, der in Hössler sofort den Mann erkannte, der für die Aktivierung der Nachrichtenübermittlung nach Moskau von überragender Bedeutung war, nahm mehrfach mit dem Fallschirmagenten Treffs u.a. in einer Berliner Wehrmachtskaserne wahr und brachte ihn mit dem bereits erwähnten Funker Coppi zusammen. Hössler und Coppi haben dann


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bis zu ihrer Festnahme aus verschiedenen Wohnungen von Berliner Kommunisten, insbesondere aber der Atelier-Wohnung der Erika von Brokdorf, Versuche unternommen, die Funkverbindungen nach Moskau aufzunehmen. Ein Wechsel von Funksprüchen hat noch nicht stattgefunden, da die technischen Voraussetzungen nicht voll gegeben und die atmosphärischen Störungen die Versuche stark behinderten.

Am 9.10.1942 gelang es, auch den Fallschirmspringer Robert Barth in Berlin festzunehmen, der vor der Machtübernahme bei der "Roten Fahne" in Berlin beschäftigt, nach Ausbruch des Krieges den Westfeldzug mitgemacht, in Russland verwundet und mit dem EK II ausgezeichnet war. Angeblich in den Kämpfen im Osten abgeschnitten, geriet er in sowjetrussische Gefangenschaft, gab sich als Mitarbeiter der "Roten Fahne" zu erkennen und gelangte schließlich als Fallschirmagent nach guter Beschulung in Berlin zum Einsatz. Er sollte

1.) weitere Agenten in Berlin werben und

2. Informationsberichte über die wirtschaftliche und politische Lage im Reichsgebiet geben,

wobei er mit dem Fallschirmagenten Hössler in enger Verbindung bleiben sollte. Bis zum 27.9.1942 hat Barth bereits drei Funksprüche an Moskau gegeben und seine Ankunft und die Schwierigkeiten der Quartierbeschaffung mitgeteilt. Hössler und Barth haben


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mehrfach verabredete Treffs in verschiedenen Stadtteilen Berlins wahrgenommen und gegenseitig ihre Erfahrungen über die Quartierbeschaffung, Legalisierung usw. ausgetauscht.

Die Sendegeräte beider Fallschirmagenten sind sichergestellt worden.

G. Die Nachrichtenverbindungen der Moskauer Spionagezentrale in das Auswärtige Amt nach Berlin

Am 28.8.1941 wurde durch die Kurzwellen-B-Stelle in Prag ein verschlüsselter Funkspruch aufgenommen, der nach Preisgabe der Verschlüsselungsmethode des in Brüssel festgenommenen Funkers Johann Wenzel (siehe Seite 3) im August 1942 dechiffriert werden konnte. In dem Funkspruch wird der Moskauer Agent "Kent" aus Brüssel aufgefordert, eine Else Stobe Deckname "Alta", in Berlin-Charlottenburg, Wielandstr. 37, aufzusuchen und sie zu veranlassen, sich mit der Brüsseler Agentenstelle in Verbindung zu setzen. Die "Alta" wird in dem FT. als eine wichtige Agentin bezeichnet.

Am 12.9.1942 erfolgte im Zuge der Aufrollung der Berliner Spionageorganisation die Festnahme der Stobe, die als Ilse Stöbe Berlin wohnhaft (Seite 42 Nr. 40) identifiziert werden konnte.

Nach fast siebenwöchigem Leugnen hat die Stöbe ein Geständnis abgelegt, dass sie für den


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sowjetischen Nachrichtendienst gearbeitet und laufend ihrem Freund, dem Juden und ehemaligen Journalisten des "Berliner Tageblattes" Rudolf Herrnstadt, zur Zeit Moskau aufhältlich, gegen Entgelt Nachrichten zugeleitet hat. Sie hat fortgesetzt mit Herrnstadt Rassenschande getrieben und stand in einem völligen Hörigkeitsverhältnis zu ihm. Von Frühjahr 1940 bis August 1940 und von Frühjahr 1942 bis Juli 1942 in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amts in Berlin tätig, hat die Stöbe auf erhaltene Weisung über die sowjetische Botschaft in Berlin mit Legationsrat I. Klasse Rudolf von Scheliha (Seite 43 Nr. 41) Verbindung aufgenommen und laufend politische Nachrichten aller Art von ihm empfangen, die sie an einen Attaché der sowjetischen Botschaft in Berlin weiterleitete. Auf dem Wege über die sowjetische Botschaft leitete sie von Scheliha Weisungen des Moskauer jüdischen Agenten Herrnstadt zu und überbrachte ihm im Februar 1941 für geleistete Arbeit RM 3.000.-.

Von Scheliha wurde am 29.10.1942 festgenommen und hat inzwischen ein Geständnis abgelegt. Danach steht er, bereits 1937 durch den Herrnstadt in Warschau (von Scheliha befand sich damals - insgesamt 9 Jahre - bei der Deutschen Botschaft in Warschau) angeworben, im sowjetischen Nachrichtendienst und hat


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laufend politische Vorkommnisse der deutschen Warschauer Botschaft an Herrnstadt gegen Entgelt weitergeleitet. Im Februar 1938 sind ihm über das Kreditinstitut in Lyon auf sein Bankkonto Julius Bär u. Co. in Zürich mit Verrechnungsscheck der Chase National Bank in New York 6.500.- Dollar als Entlohnung für die geleistete nachrichtendienstliche Arbeit überwiesen worden. Welchen Umfang der Verrat von Scheliha's angenommen hat, lässt sich z.Zt. noch nicht überblicken. Probleme, zu denen er im Auftrage Moskaus Stellung nehmen musste, waren z.B.

das deutsch-polnische Verhältnis,

das Ergebnis der Besprechungen zwischen dem polnischen Außenminister und dem deutschen Botschafter in Warschau,

der Beitritt europäischer Staaten zum Dreimächte-Pakt und

die amtliche Stellungnahme des Auswärtigen Amts zur drohenden englischen Invasion.

Nach den bisherigen Feststellungen durfte v. Scheliha etwa RM 50.000.- Agentengelder erhalten haben, die, da er mit seiner Familie weit über seine Verhältnisse lebte, von seinem Haushalt verschlungen wurden.

Wie sehr Moskau an der Weiterarbeit des von Scheliha interessiert war, beweist der Einsatz eines besonderen Fallschirmagenten, der am 23.10.1942 bei Osterode/Ostpr. von einem russischen Langstrecken-


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flugzeug abgesetzt, nach Berlin kam und hier versuchte, über die Agentin Stöbe an Scheliha heranzukommen. Mit einem Funkgerät ausgerüstet, sollte er die Nachrichten von Scheliha's laufend nach Moskau durchgeben.

Dieser Agent, der am 29.10.1942 nach umfassenden staatspolizeilichen Maßnahmen ermittelt und durch das umsichtige Verhalten einer Stenotypistin des Geheimen Staatspolizeiamtes in Berlin festgenommen werden konnte, ist inzwischen als der Sohn des kommunistischen Reichs- und Landtagsabgeordneten Wilhelm Koenen, Heinz Koenen (Deckname: "Heinrich Köster") - Seite 44 Nr. 46 - identifiziert worden, der 1933 über Dänemark Schweden nach Moskau emigrierte und als bestgeschulter Nachrichtenagent nunmehr von Berlin aus das Spionagematerial des von Scheliha und der Stöbe nach Moskau weiterleiten sollte.

Koenen hatte in Berlin an verschiedenen Tagen des Monats mit einem weiteren Moskauer Agenten Treffs wahrzunehmen. Zu diesen Treffs hätte es jedoch nicht kommen können, da der Treffpartner die kommunistische Funktionärin und Fallschirmagentin Erna Eifler, Deckname "Gerda Sommer" und "Rosita", bereits durch die Geheime Staatspolizei in Hamburg festgenommen war. Wenige Tage danach gelang es, auch ihren Mitarbeiter, den Fallschirmagenten


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Willi Fellendorf (Decknamen "Willi Machmuroff", "Welmuth") - Seite 43 Nr. 42 - festzunehmen. Über die in Hamburg erfassten Agenten ist es Mitte Oktober 1942 gelungen, eine Reihe von sowjetischen Kurier- und Anlaufstellen in Berlin auszuheben und Reste einer kommunistischen Passfälscher-Organisation unschädlich zu machen. Die Wohnungsinhaber waren ausschließlich alte kommunistische Funktionäre, die zum Teil seit 1928 laufend illegalen Funktionären Unterschlupf gewährt haben und dafür durch die sowjetische Botschaft in Berlin monatlich ein Entgelt von 150.- bis 200.- RM erhielten. Bezeichnend für die Festgenommenen ist die Tatsache, dass sie den in Berlin eintreffenden Fallschirmspringern sofort ohne Bedenken Unterschlupf gewährten und zum Teil von den Fallschirm-Agenten mitgebrachte namhafte Reichsmarkbeträge und Devisen in Geheimverstecken ihrer Wohnungen verwahrten.

Aufschluss über die landesverräterischen Verbindungen gibt die folgende Organisationsskizze der Landesverrats-Gruppe Berlin.


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H. Ergebnis der staatspolizeilichen Maßnahmen

Durch das schnelle und gründliche Zugreifen der Geheimen Staatspolizei konnte bisher folgendes Ergebnis erzielt werden:

1.) Die Festnahme von 17 des Hoch- und Landesverrats überführten kommunistischen Funktionären in Holland und Belgien und die Aushebung von 4 Sendern, die in direktem Verkehr mit Moskau standen, bezw. im Begriff waren, Verbindungen herzustellen.
2.) Die Festnahme von
            119 Personen in Berlin
von denen inzwischen
            38 des Hoch- und Landesverrats,
            42 des Hochverrats und
            5 des Landesverrats
überführt werden konnten. 22 Personen sind inzwischen wieder entlassen worden.
3.) Die Aufrollung der Berliner Spionageorganisation führte darüber hinaus zur Erfassung von
            10 Sende- und Empfangsgeräten,
die zum Teil bereits im Betrieb, zum Teil vor ihrem Einsatz ausgehoben werden konnten. Somit beläuft sich die Zahl der allein in diesem Komplex bisher erfassten Funkgeräte auf 14.

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Über
            37.000.- RM und
            3.450.- Dollar
Agentengelder, eine Vielzahl total gefälschter Dokumente, Bescheinigungen und Ausweispapiere sowie gefälschte Reiselebensmittelkarten konnten sichergestellt werden.
Zwei Abziehapparate, umfangreiches Foto-, Vergrößerungs- und Vervielfältigungsgerät zur Herstellung illegaler Schriften wurde beschlagnahmt.
Im Zuge der Gesamtfahndung gelang es darüberhinaus
            5 Fallschirmagenten
festzunehmen, die im Rahmen der "Roten Kapelle" ihre Tätigkeit in Deutschland beginnen sollten bezw. begonnen hatten. Gerade die Entsendung dieser Spezialfunktionäre zur Aktivierung der erfassten Organisation beweist deutlich, welche Wichtigkeit die Komintern und der Generalstab der Roten Armee der ausgehobenen Hoch- und Landesverratsgruppe beigemessen haben.
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National Archives Washington, RG 319 (A1) 134A. IRR Impersonal Files. Box 63. Volume 4 (Folder 4 of 4). Report Bolschewistische Hoch- und Landesverratsorganisation im Reich und Westeuropa ("Rote Kapelle"). 96-page document tabbed. Location: 270: 84/21/03. Faksimile PDF 24 MB.